VDA: Autobranche will nicht alleingelassen werden

VDA: Autobranche will nicht alleingelassen werden

Das erste Halbjahr war für die deutsche Automobilindustrie ziemlich durchwachsen und viele der Umbrüche durch die Elektromobilität sind noch gar nicht abzusehen. Der Branchenverband VDA versucht auf seiner Halbjahres-PK, eine Position in ungewohnt ungemütlichen Zeiten zu finden. Einfacher wird es nicht.

E-Mobilität | Von Wolfgang Eschment |

Frühere Pressekonferenzen des Verbandes der Autoindustrie (VDA) waren immer hübsch easy. Vor den feinen Häppchen gab es die neuesten netten Erfolgsmeldungen der deutschen Automobilindustrie, bei Nachfragen der Journalisten ging es meist nur um den Umfang des quasi unaufhaltsamen Aufstiegs mit tollen Modellen Made in Germany, die mit viel Benzin- und Dieselpower glänzten.

Das ist schon eine kleine Weile her, aber aktuell ist die Lage wirklich angespannt. Das zeigte jetzt die aktuelle Halbjahres-Pressekonferenz des VDA in Berlin. Denn die Märkte schwächeln. So werde das Neuwagengeschäft 2019 Hierzulande wohl bei 3,4 Millionen Fahrzeuge landen, ein Prozent weniger als im Jahr zuvor, konstatiert der Präsident des Branchenverbandes, Bernhard Mattes. In Europa sei ein ähnliches Minus in Sicht, in den USA ein Rückgang von zwei Prozent und in China von vier Prozent. Und beim wichtigen Pkw-Export der deutschen Hersteller — drei von vier in Deutschland gebauten Fahrzeuge gehen ins Ausland — erwarte er sogar ein Minus von fünf Prozent.

Hinzu kommen die großen Umbrüche in der erfolgsverwöhnten PS-Branche, der Zwang zur Elektromobilität und überhaupt zu alternativen Antrieben durch Gesellschaft und Wettbewerber im Ausland. Mattes vermeidet es allerdings geschickt, über die großen Konkurrenten in den USA (Tesla) und China (Elektrohersteller ohne Ende) zu reden. Er offeriert lieber die großen Planzahlen. Zum Beispiel, dass die deutschen Autohersteller und Zulieferer in den nächsten drei Jahren rund 40 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung alternativer Antriebe investieren wollen. Klingt erst einmal gut. "Unsere Hersteller werden bis 2023 ihr Modellangebot auf 150 E-Modelle verfünffachen", schiebt er noch nach. Und kann denn aber auf Nachfrage nicht sagen, wie viele davon vollelektrische Modelle sind.

Anschluss verlieren? "Im Gegenteil!"

Ob das angeschlagene Tempo der Transformation denn ausreiche, wollen wir dann von ihm wissen. Schließlich habe ja bislang nur der VW-Konzern den ganz großen Hebel Richtung Elektromobilität umgelegt, während zum Beispiel Mercedes und BMW mit weniger Modellen und zeitlich entspannteren Fahrplänen augenscheinlich mehr auf Sicht und mit Vorsicht fahren würden. Nein, das sieht Mattes völlig anders: "Das Tempo der deutschen Automobilindustrie bei der Elektrifizierung des Antriebs ist enorm, da ist mir über den Beitrag und die Entschlossenheit der deutschen Branche nicht bange." Jedes Unternehmen habe eben seine eigene Strategie dazu. Entscheidend sei schließlich die Anzahl der Produkte, die auf dem Markt kämen. Die deutsche Branche habe hier ein Riesentempo, findet er. Anschluss verlieren? "Im Gegenteil!" Mattes sieht die deutsche Autoindustrie sogar in der Rolle des "positiven Dränglers".

Auch beim Ausbau der Ladeinfrastruktur. Derzeit, so der Präsident, gebe es 17.400 öffentliche Ladepunkte, bis zum Jahr 2030 seien aber eine Million davon notwendig, zusätzlich 100.000 Schnelladepunkte. "Da muss noch eine ganze Menge passieren", sagt er. Das sei schon ein ziemlich anspruchsvoller Zeitrahmen. Zufrieden ist er mit der aktuellen Initiative des Verkehrsministeriums, zusätzlich insgesamt eine Milliarde Euro für die öffentliche und private Ladeinfrastruktur bereitzustellen.

Ob denn die Chemie zu den staatlichen Stellen wieder stimme nach den Verwerfungen durch den Dieselskandal. Mattes wischt das weg: "Der Gesprächsfaden ist nie abgerissen, im Gegenteil." Andererseits hat er in seiner Rede auf der Pressekonferenz vermutlich nicht ohne Grund gemahnt, dass die Mobilität von Morgen eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sei, die sich nicht an eine Branche (also die der Autoindustrie) delegieren lasse. "Alle Akteure — Politik, Industrie und Gesellschaft — müssen ihren Teil dazu beitragen, damit die Transformation zum Erfolg wird".

Ein wenig deutlicher wird er auch beim Thema Autonomes Fahren. Schließlich testen deutsche Hersteller ihre selbstfahrenden Zukunftsmodelle derzeit schon zwangsweise im Ausland (USA, China), weil für den öffentlichen Verkehr in Deutschland noch die passenden Regularien fehlen. Mattes: "Das ist genau ein Punkt, über den wir vor einer Woche auch geredet haben". Beim Autogipfel im Kanzleramt sei auch die Bundeskanzlerin besonders involviert gewesen. Es gehe jetzt erst einmal darum, zu klären, was an Regulatorik heute da und gut sei und was weniger gut funktioniere. Was an Veränderungen und neuen Regeln notwendig sei. Mattes drückt aufs Tempo: "Das erarbeiten wir jetzt in den nächsten Wochen."

IAA von Absagen getroffen

Er will aber nicht nur über Elektromobilität, sondern auch über andere Optionen reden. "Wie arbeiten weiter an alternativen Antrieben und Kraftstoffen. Dazu gehören zum Beispiel klimaneutrale E-Fuels, CNG und Wasserstoff — da bleiben wir dran." Hört sich überzeugend an, wobei zum Stichwort CNG (Erdgas) aber natürlich erwähnt werden müsste, dass sich unter den deutschen Autoherstellern derzeit fast ausschließlich der VW-Konzern mit zahlreichen Modellen und dem Ausbau der Infrastruktur engagiert.

Relativ selbstkritisch gibt sich Mattes zur diesjährigen Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt (12. bis 22. September), die von vielen Absagen ausländischer Hersteller betroffen ist. Unter dem neuen Motto "Driving tomorrow", soll hier nun weniger die klassische Show, sondern die große Vernetzung zur Mobilität der Zukunft stattfinden. "Wir haben verstanden, dass unsere Transformation auch bedeutet, dass es dort nicht mehr nur darum gehen kann, Platz zum Ausstellen zu bieten". Da müsse mehr passieren. Er hofft, dass Hersteller, die in diesem Jahr nicht dabei sind, beim nächsten Mal zurückkommen. "Weil Sie vielleicht merken, dass sie dort spannende neue Erkenntnisse gewinnen können."

Und wie Merkel sieht Mattes die jugendliche Klimaschutzbewegung "Fridays for Future" bemerkenswert positiv. "Es ist gut, wenn sich die Jugend um Zukunftsthemen kümmert." Ob man deshalb die Schule ausfallen lassen müsse, sei eine andere Frage, weil ja auch Bildung für die jungen Menschen wichtig sei. Entscheidend aber sei, dass hier ein Zeichen gesetzt würde, sich für den Klimaschutz und die Gesellschaft zu engagieren. "Das ist ja mal ihre Welt in der Zukunft, ich finde das deshalb absolut okay."

Artikel teilen

Kommentare

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...