e.GO-Chef Günther Schuh: Der Überflieger

e.GO-Chef Günther Schuh: Der Überflieger

Der Aachener Professor Günther Schuh ist ein Phänomen. Er baut nicht nur Elektroautos, sondern künftig auch Kleinbusse. Mit Unterstützung von VW und ZF. Und auch ein Flugzeug ist auch in Planung.

Unternehmen | Von Franz W. Rother |

Gewiss, Elon Musk ist mit 47 einige Jahre jünger und hat sicher auch schon einige Millionen mehr mit seinen Startup-Unternehmen PayPal, Tesla, SpaceX und SolarCity gescheffelt, möglicherweise auch verbrannt. Aber der gebürtige Kölner Günther Schuh hat wenigstens die gleiche Eloquenz wie der Strahlemann aus Kalifornien.

Und inzwischen aufgrund seiner vielfältigen Aktivitäten zumindest unter Elektromobilisten ein ähnliches Charisma wie der berühmte Tesla-Chef: Der heute 60-jährige Ingenieur und Rationalisierungsspezialist, Professor für Produktionssystematik an der Rheinisch-Westfälischen Hochschule (RWTH) Aachen, ist ebenfalls ein großer Visionär.

Und inzwischen auch ein Multi-Unternehmer. 2010 hob er zusammen mit seinem Kollegen Achim Kampker Streetscooter aus der Taufe und verkaufte den Hersteller preiswerter Elektrotransporter 2014 an die Deutsche Post DHL. Vom Verkaufserlös reinvestierte Schuh ein Jahr später 37 Millionen Euro in die Gründung der e.GO Mobile AG und die Entwicklung eines elektrogetriebenen Kleinwagens für normalverdienende Großstadtbewohner – die ersten Exemplare des knuffigen Stromers namens e.GO Life rollen in diesen Tagen auf die Straße.

Und das ist erst der Anfang: Auf dem Genfer Automobilsalon gab der deutsche Elon Musk jetzt bekannt, dass er mit Unterstützung des Autozulieferers ZF den vollautonom fahrenden und vollelektrischen Minibus e.GO Mover homologisiert hat – schon im April kommenden Jahres soll die Serienproduktion des "People Mover" im neuen Werk 3 in Aachen starten. Gleichzeitig gab Volkswagen, dass e.GO Mobile als erster externer Industriepartner seinen nagelneuen Modularen Elektrifizierungs-Baukasten (MEB) nutzen darf, um unter anderem ein Freizeitmobil mit Elektroantrieb zu bauen.

Für Schuh ist das wie ein Sechser im Lotto – aufgrund der Skaleneffekte bekommt er auf diese Weise Schlüsselkomponenten des elektrischen und autonomen Fahrens bis zu einem Drittel der ursprünglich kalkulierten Kosten. Bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit VW-Chef Herbert Diess strahlte der Zweimeter-Mann deshalb über das ganze Gesicht – um dem Konzernlenker, den er aus gemeinsamen Tagen an der Uni St. Gallen kennt, gleich noch eines mitzugeben: "Die MEB-Architektur von VW hat viele Ähnlichkeiten zu unserem eigenen Konzept – wir sind nur schon mindestens sechs Monate weiter."

Elektroauto-Deal mit Opel platzte

Manche in der Autoindustrie mögen lästern, der Firmenname leite sich vom starken Ego des selbstverliebten Unternehmensgründers ab. Fakt aber ist: e.GO Mobile ist inzwischen einer der Treiber der Elektromobilität in Deutschland. Für Volkswagen wird das Unternehmen nun den ID. Buggy realisieren, den Fertigungsexperten in Wolfsburg schon als nicht wirtschaftlich verworfen hatten. Gebaut werden soll das Auto statt in Zwickau nun in Aachen auf einer Linie mit dem e.GO Life. Und Schuh denkt noch weiter: Mit Hilfe der VW-Technik könnte er nach dem kleinen, nur 3,35 Meter langen e.GO Life nun auch noch einen familientauglichen Stromer mit längerem Radstand auf den Markt bringen.

Konzipiert und gezeichnet in Wolfsburg, produziert in Aachen. Für einen Kleinserienhersteller hätte sich ein solches Auto niemals gerechnet. Schuh wollte deshalb ursprünglich auch schon den e.GO Life zusammen mit Opel entwickeln und bauen, plaudert er im Gespräch mit EDISON aus – im Tausch für Schlüsselkomponenten von General Motors. Gesprochen wurde unter anderem über Sensoren und Aktuatoren, die künftig notwendig sein werden, um in Europa Crashtests mit Bravour bestehen zu können.

Der damalige Opel-Chef Karl-Thomas Neumann sei Feuer und Flamme für die Idee gewesen und habe dafür bei der Konzernmutter in Detroit geworben, die den Handel dann auch bewilligte. Aber dann verkaufte GM Opel an den französischen PSA-Konzern – und PSA-Chef Carlos Tavares sei dann nicht mehr bereit gewesen, e.GO Mobile die Teile zu den gleichen Konditionen und auch nur zu einem Drittel des geplanten Volumens zu liefern. Daraufhin platzte der Deal.

Dafür springen nun Volkswagen (Schuh: "Ist das nicht cool, eine Einladung von Volkswagen zu erhalten") und ZF dem Aachener Startup zur Seite, mit Knowhow und den begehrten Komponenten, aber auch Zugängen zu neuen Kunden. Auf den elektrischen Minibus People Mover für 15 Passagiere warten in Deutschland bereits sehnsüchtig 72 Kommunen, die damit ihren öffentlichen Personennahverkehr entgiften und effektiver gestalten wollen. "Wir werden die ersten weltweit, die einen autonom fahrenden Bus anbieten können", freute sich ZF-Chef Wolf-Henning Scheider.

Vorausgesetzt, der Gesetzgeber spielt mit und erlaubt den Verzicht auf einen Fahrer. Deshalb werden die ersten Exemplare auch noch mit Lenkrad ausgeliefert. ZF liefert den Antrieb, die Bremsen und die Lenkung, montiert werden die Busse bei e.GO Mobile in einem neuen Werk im Aachener Stadtteil Rothe Erde. Geplante Fertigungskapazität: 45.000 Fahrzeuge im Jahr. Erste Testgebiete werden die Unternehmensstandorte Friedrichshafen und Aachen sein.

Und natürlich ist auch eine Variante für den Güter-Verteilverkehr in Städten geplant, der "Cargo-Mover". Dank der geringen Bodenhöhe ist das Elektromobil bestens dafür geeignet. Ach ja, auch ein Lux-Mover ist schon konzipiert, mit viel Platz und Ledersesseln für wohlhabende Geschäftsleute oder gekrönte Häupter. Märkte dafür sieht Schuh im Mittleren Osten, in Asien und Nordamerika. "In USA nennt man so etwas Walk-in-Vans."

Fehlt eigentlich nur noch der Einstieg in die Raumfahrt, um mit Musk gleichzuziehen. Der Scherz bringt den Hobbypiloten Schuh, stolzer Besitzer eines einmotorigen Sportflugzeugs vom Typ Cirrus SR22, nicht zum Lachen. Nein, an einer Rakete arbeite er nicht, aber an einem Flugzeug: "Wir bauen ein geräuschloses Kleinflugzeug."

Details sollen offiziell zwar erst im Mai bekannt gegeben werden. Aber so viel lässt sich Schuh immerhin schon jetzt entlocken: Unter dem Namen "e.Sat" soll ein viermotoriges "Silent Air-Taxi" mit Hybridantrieb entstehen, dessen Propeller so konstruiert sind, dass sie keine lauten Geräusche im Flugbetrieb verursachen. Dazu habe er zusammen mit Spezialisten der Fachhochschule Aachen für Luft- und Raumfahrt die e.Sat GmbH gegründet. Schuh hat hier den Posten des Chief Financial Officer übernommen.

Weitere technische Details, von denen er berichtet ("Das Ding kann theoretisch jeder fliegen"), versprechen eine technologische Revolution, künden von einem ebenso spektakulären wie visionären Projekt, das spätestens 2022 Realität werden soll.

Elon Musk? Wer war das noch einmal?      

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