Viel Windstrom, wenig neue Windräder

Viel Windstrom, wenig neue Windräder

Die Erneuerbaren Energien haben in diesem Jahr Elektrizität wie noch nie produziert, allen voran die Windkraftanlagen. Doch gleichzeitig gehen nur wenige neue Strommühlen ans Netz. Das könnte sich bald rächen und dem Klimaschutz schaden.

Energiewende | Von DPA und Lothar Kuhn |

Sturm und Flaute - eigentlich schließen sich diese beiden Wetterlagen aus. Doch genau solch eine widersprüchliche Lage herrscht gerade auf dem deutschen Energiemarkt.

Auf der einen Seite stürmen die Erneuerbaren von Rekord zu Rekord: Bis zum 7. Mai haben Sonne, Wind & Co. 46,8 Prozent des Stroms in Deutschland geliefert, meldet das Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE aus Freiburg. Bis Jahresende könnte der Wert sogar 50 Prozent erreichen, wenn das Wetter mitspielt. Im vergangenen Jahr lag der Wert bei 40,6 Prozent. Wichtigster Stromlieferant war in den ersten Monaten 2019 die Windenergie mit einem Anteil von 27 Prozent, weit vor der Braunkohle mit nur 19,5 Prozent auf Platz 2.

Auf der anderen Seite herrscht beim Ausbau der Windenergie vor allem an Land eine hartnäckige Flaute. Zwischen Januar und März gingen gerade 41 Strommühlen mit 134 Megawatt Leistung ans Netz, so die Fachagentur Windenergie an Land. Das waren fast 90 Prozent weniger als im selben Quartal des Vorjahres - und so wenig wie zuletzt vor der Jahrtausendwende. In 9 von 16 Bundesländern wurden gar keine neuen Windräder errichtet. Das ist der vorläufige Tiefpunkt einer Entwicklung, die bereits seit einem Jahr andauert.

Es fehlen Genehmigungen

Grund für den starken Rückgang sind die Vorgänge im Jahr 2017. Denn wer einen Windpark bauen will muss sich an Ausschreibungen beteiligen. In dem Jahr gingen mehr als 90 Prozent aller Förderzusagen an Bürger-Windprojekte. Das sind Vorhaben, bei denen sich die Bewohner einer Gemeinde oder Region zusammenschließen, um Windräder zu errichten. Der Gesetzgeber bevorzugt diese Form des Bürgerengagements gegenüber professionellen Investoren. Allerdings schaffen es nicht alle Initiativen, dann auch wirklich die nötigen Genehmigungen zusammenzubekommen. Das ist bei den immerhin 2688 Megawatt Leistung, die auf diese Weise einen Zuschlag erhielten, bis April erst bei 167 Megawatt der Fall. Nur die können die Betreiber überhaupt in Angriff nehmen. Von 730 Anlagen, die 2017 einen Zuschlag erhielten, sind erst 35 am Netz.

Zudem verzögern nach Angaben der Fachagentur zahlreiche Klagen den Bau von Windrädern. Zwar gebe es darüber keine Statistik, doch hätten stichpunktartige Recherchen ergeben, dass der Ausbau von mindestens 750 Megawatt Leistung brachliege, weil dagegen Klagen anhängig seien. Die Branche hofft, den Zubau wieder steigern zu können, weil aus dem Ausschreibungsjahr 2018 mehr Projekte realisiert werden. Bis eine genehmigte Anlage ans Netz geht, verstreicht im Durchschnitt ein Jahr.

"Kritische Situation"

Aber nicht nur der Zubau neuer Anlagen verzögert sich. Umgekehrt fallen viele ältere Anlagen ab 2020 aus der Förderung heraus und drohen unwirtschaftlich zu werden. Etwa 14.000 Megawatt, rund ein Viertel der installierten Leistung, steht bis 2023 auf der Kippe und müsste ersetzt werden.

Damit rückt das Ziel der Bundesregierung in weite Ferne, bis 2030 rund 65 Prozent des Bruttostromverbrauchs aus erneuerbaren Quellen zu decken. „Der Ausbau der Windenergie an Land steckt in einer kritischen Situation“, warnt Stefan Kapferer vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). „Wir sind weit entfernt vom Erreichen der Klimaziele.“

"Der Schalter muss sofort umgelegt und der Ausbau der Erneuerbaren wieder beschleunigt werden“, fordert deshalb Simone Peter, Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE). Um das 65-%-Ziel zu erreichen, müssten jedes Jahre 4700 Megawatt Windenergie an Land und 1000 Megawatt auf See dazukommen, hat der BEE in einem Szenario hochgerechnet (PDF). Aber noch gibt es eine Chance für den Klimaschutz. Würde die Große Koalition, so Peter, konsequent für bessere Rahmenbedingungen beim Ausbau der Erneuerbaren - also vor allem von Wind- und Sonnenergie - sorgen, könnten sie 2030 sogar über 80 Prozent des Strombedarfs decken. Selbst bei einem steigenden Energiehunger durch Elektroautos und Wärmepumpen.

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