Radtourismus: "Wir sind bald am Scheidepunkt"

Radtourismus: "Wir sind bald am Scheidepunkt"

Früher war Radfahren öko, heute Lifestyle, vor allem durch den Boom der E-Bikes, meint Reiseexperte Axel Jockwer. In manchen Gegenden kommen daher die Touristen das ganze Jahr - Einheimische und Natur können sich kaum noch erholen. Durch die Digitalisierung könnte sich das aber bald grundlegend ändern.

Reisen | Von Jennifer Garic |

Auch wenn das Fahrrad im Ursprung etwas rein Mechanisches ist, haben technischer und insbesondere digitaler Fortschritt das Zweirad und seine Nutzung grundlegend verändert. Smarte Helfer messen die Leistung eines Radlers und weisen den Weg, der Motor am E-Bike hilft am Berg. Besonders im Urlaub und auf langen Fahrradtouren will kaum noch jemand auf diese intelligenten Helferlein verzichten.

Wir sprachen mit Axel Jockwer, wie sich das Radfahren und das Reisen mit dem Rad verändert haben. Jockwer ist Digitalisierungs- und Reiseexperte. Und gefragter Gesprächspartner auf Veranstaltung der Zweiradbranche wie der Eurobike in Friedrichshafen.

Herr Jockwer, welchen Einfluss nimmt die Digitalisierung auf unsere Art zu reisen?

Die Digitalisierung und besonders das Internet haben das Reisen grundlegend verändert. Ende der neunziger Jahre hatten private Haushalte mithilfe des Internets und Plattformen wie Expedia erstmals die Möglichkeit, wie ein Reisebüro zu recherchieren. Danach ging es Schlag auf Schlag: Hotelbewertungen, Couchsurfing und Airbnb haben nicht nur neue Formen des Reisens ermöglicht, sondern fördern auch den Austausch mit Einheimischen vor Ort. Darüber hinaus finden es Menschen zunehmend wichtiger, wie Freunde und Familie ihren Urlaub wahrnehmen. Sie fragen sich während regelmäßig: Wie bekomme ich das schönste Foto von mir, meinem Sportgerät und der Umgebung?

Befinden wir uns also in einem Optimierungs- und Trackingwahn?

Reisen diente schon immer der Optimierung, denn Zeit ist kostbar. Und aus dem Jahresurlaub will man eben das Beste rausholen. Früher kauften Reisende jedoch die Katze im Sack. Als meine Eltern mit mir im Käfer nach Italien gefahren sind, wussten sie nicht, was sie vor Ort erwartet. Heute sorgen Vergleichsportale und Bewertungen für maximale Transparenz. Dabei sind ehemalige Luxusangebote wie kostenloses WLan in der Unterkunft heute zum unverzichtbaren Standard geworden. Zusätzlich sind Hotelangebote immer stärker auf bestimmte Touristengruppen zugeschnitten. So gibt es Hotels, die besonders bikerfreundlich sind oder eine rein vegetarische Ernährung anbieten.

Geht durch die Digitalisierung nicht auch der Reiz am Spontanen und Unplanbaren verloren?

Ja, aber genauso wollen wir es. Wir wollen alles planen und Pannen oder Umleitungen unbedingt vermeiden. Für die Fahrradbranche bietet die Digitalisierung und Technologisierung aber auch neue Chancen. Radler kommen heute viel schneller auf den Berg, weil sie ein Motor dabei unterstützt. Gleichzeitig gibt es Apps, die die Leistung tracken und helfen, diese zu steigern. Wer will, kann sich beim Fahren mit einer Action-Cam oder Drohne filmen. Dadurch hat eine völlig neue Klientel das Rad entdeckt. Während Fahrradfahren früher eher als „öko“ wahrgenommen wurde, ist es nun viel mehr ein Lifestyle, eine Freizeitbeschäftigung oder eine echte Alternative zum Auto.

Was bedeutet das für Urlaubsregionen?

Sie machen gerade einen großen Wandel durch. Während früher im Sommer in den Skigebieten kaum etwas los war, kommen nun die Radfahrer mit ihren E-Mountainbikes und erobern die Gipfel. Oft sind das sogar die gleichen, die im Winter Ski fahren. Mit der elektrischen Unterstützung können nun auch Ältere einen Aktivurlaub machen und tauschen ihre beigen Westen gegen ein buntes Radlertrikot. Für die Einwohner der Urlaubsgebiete ist das eine schwierige Entwicklung. Es könnte sein, dass eine Region irgendwann ausblutet, wenn das ganze Jahr über Touristen da sind und Mensch und Natur sich nicht mehr erholen können, auch wenn es Geld in die Region bringt.

Gibt es Grenzen der Digitalisierung beim Reisen?

Wir sind bald an einem Scheidepunkt. In rund zehn Jahren werden wir eine so realistische Interaktion in virtuellen Räumen haben, dass viele Reisen vermutlich gar nicht mehr stattfinden müssen. Warum soll ich noch zu einem Geschäftstermin fahren, wenn ich virtuell mit den Kollegen zusammensitzen kann – inklusive Handschlag? Im Privaten sieht das etwas anders aus. Da möchte man auf Reisen das volle Paket inklusive persönlichem Austausch. Durch das Smartphone als ständigen Begleiter nimmt jedoch die geistige Erholung im Urlaub ab. Körperlich ist man zwar entspannt, wenn man am Strand liegt. Aber der Kopf schaltet nicht ab, weil man ständig auf Facebook unterwegs ist oder Mails liest.

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