Smart-City: Neue Stadtkonzepte braucht die Welt

Smart-City: Neue Stadtkonzepte braucht die Welt

Nach einer Vorhersage der Vereinten Nationen werden 2030 schon fast zwei Drittel aller Menschen in Megacities leben, Städten mit über zehn Millionen Einwohnern. Vor dem Hintergrund muss die Rolle der Stadt neu definiert werden, fordern Oliver Gassmann und seine Koautoren von der Universität St. Gallen in ihrem Buch "Innovationen für eine vernetzte Stadt". Hier ein Auszug daraus als Denkanstoß.

Stadtplanung | Von Oliver Gassmann und Jonas Böhm |

Die Bedeutung der Städte für das Leben und die Zukunft von Zivilisationen ist immens: Weltweit leben bereits mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Jede Sekunde ziehen weltweit zwei Menschen vom Land in eine Stadt. Im Jahr 2014 lebten 54 % der Weltbevölkerung in Städten; 1950 waren dies noch 30 %. 2040 werden es 65 % sein. Bereits 2030 leben 9 % aller Menschen in 41 Megacities.

Die Zukunft der Menschheit liegt in Städten. Bereits heute drängen auch urbane Wirtschaftszentren die Bedeutung von Ländern zurück. Das Silicon Valley, Inbegriff von Innovation im digitalen Zeitalter, steht als Ökosystem eher im Wettbewerb mit Shanghai, Boston oder Bangalore als mit China oder Indien. Städte werden zu Epizentren, die Wirtschaft, Kultur und Lifestyle stärker prägen als Nationen.

Gleichzeitig führt die Urbanisierung zu enormen Herausforderungen: Umwelt- und Gesundheitsprobleme wie Lärm oder Smog, Engpässe in der Mobilität und bei Wohnräumen, Überlastung der Infrastruktur für Energie und Kommunikation. Es wird eine Neudefinition der städtischen Rolle benötigt, um Wohnen, Arbeiten und Leben in verdichteten Räumen bei mehr Mobilität mit mehr Lebensqualität und weniger Ressourceneinsatz zu fördern. An klugen Stadtkonzepten in den Lebensbereichen Wohnen, Mobilität, Infrastruktur, Energie, Gesundheit, Kommunikation und Dienstleistungen wird sich das Wohl oder Wehe von vielen Menschen entscheiden, Voraussetzung für intelligente Lösungen ist der digitale Schatten.

Der digitale Schatten einer Stadt basiert auf drei technischen Elementen: 1. Integrierte Sensorik hilft der Stadt mehr und besser zu fühlen. 2. Konnektivität verbindet die dezentralen Inseln einer Stadt zu Gesamtlösungen. 3. Datenanalytik erhöht die Intelligenz der Städte. Als technische Vision entstehen selbststeuernde Wertschöpfungsprozesse in Städten, welche die Leistungen optimieren für mehr Lebensqualität bei weniger Ressourcenverbrauch. Ähnlich wie bei industriellen Fertigungsprozessen werden reale Welten immer stärker verschmelzen mit virtuellen Welten; physische Räume überlappen mit den Bits und Bytes, um Städte intelligenter, selbststeuernder, vernetzter und integrierter zu machen.

Technologisch nimmt dabei die Bandbreite für die Übertragung von Daten ständig zu. Dies hat zur Folge, dass die Grenzkosten, mit denen Sensoren mit Netzen verbunden werden können, exponentiell abnehmen. Gleichzeitig werden Sensoren immer günstiger, integrierter und multidimensionaler, was zur Folge hat, dass Geräte oder Infrastrukturen immer stärker die Umwelt in Echtzeit wahrnehmen und intelligent reagieren können; Licht geht an, wenn Menschen da sind und es benötigen, Parkplätze signalisieren ihre Verfügbarkeit aktiv, Mobilitätsleitsysteme sind fein granularer und damit viel effektiver.

Ist die Bevölkerung aber bereit für den digitalen Schatten? In Zeiten des Datenschutzes realisiert die Bevölkerung, dass Daten das neue Öl sind. Skandale um Facebook schrecken ab vor der offenen Datenwelt. China setzt derzeit aus westlicher Sicht mit seinen 200 Millionen Videokameras in öffentlichen Räumen (Stand 2019) zur Identifikation und Überwachung ihrer Bevölkerung eher George Orwells „1984“ um. Das Social Credit Score System mit Bonus- und Maluspunkte im öffentlichen Raum scheint für liberale Gesellschaften schwer verträglich. Auch benötigt die Intelligenz selbst viel Energie: Die modernen Informations- und Kommunikationstechnologien verbrauchen selbst rund 2 % des heutigen weltweiten Energieverbrauchs, Tendenz steigend. Es ist daher entscheidend, dass der Nutzen die Kosten übersteigt. Facebook und Instagram erfahren trotz aller Bedenken steigende Popularität. Der Bürger muss jedoch wissen, warum es erfolgt. Übergeordnete Visionen können hier helfen:

Die Zero-City

Eine wirklich smarte Stadt zeichnet sich dadurch aus, dass sie Null Müll und Emissionen erzeugt, null Unfälle vorzuweisen hat oder null Rückstände hinterlässt (Cradle-to-Cradle). Hamburg mit seiner Initiative Nexthamburg experimentiert bereits mit diesen Gedanken in einem Reallabor.

Die Slow-City

Die Slow City: Eine Vision, die man auch als eine Version der Care City verstehen könnte, ist die im toskanischen Städtchen Greve in Chianti bereits 1999 initiierte Slow-City-Bewegung. Sie soll der Belastung durch die Dynamik von Städten entgegenwirken und der Sehnsucht nach einem vereinfachten, naturnahen und nachhaltigen Leben gerecht werden. Das Konzept findet weltweit immer mehr Nachahmer und hat es bis nach Australien, China, Südafrika und Nordamerika geschafft.

Die Real-Time City

Die Real-Time-Verknüpfung aller Menschen einer Stadt kann für neue Formen der gemeinsamen Weiterentwicklung von Städten und für ein neues Gefühl der Gemeinsamkeit sorgen. Es wäre beispielsweise möglich, das Verhalten von Bürgern in Echtzeit zu erfassen, um schnell zu demokratischen Entscheidungen zu kommen. Erste Projekte hierzu gibt es beispielsweise von human.co oder im Senseable City Lab des Massachusetts Institute of Technology (MIT).

Die Happy-City

Eine Vision, die viele der gerade beschriebenen Visionen aufgreift, könnte die Happy City sein, welche individuelles Glück zum zentralen Ziel erhebt. Glück ist ein sehr individuelles Konstrukt – ein glückliches Leben bedeutet für jeden Menschen etwas anderes. Daher ist es für Städte naturgemäß sehr schwierig, das Glück jedes Einzelnen zu maximieren. Städte, die mit diesem Konzept experimentieren, sind beispielsweise Dubai mit seinem Dubai Plan 2021, Vancouver mit dem Happy Streets Living Lab oder das kanadische Granville Island mit seinem Granville-Island-2040-Projekt.

Wichtig ist es, für alle Städte sich auf den Weg zu machen: Große Ziele beginnen mit den ersten kleinen Schritten. Sind diese kleinen Schritte konsequent auf den Nutzen der Bürger ausgerichtet, so lassen sich große Visionen auch erfolgreich realisieren. Auch hier gilt: nicht alles, was gewagt wird gelingt. Aber alles, was gelingt, wurde einmal gewagt.

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