Mercedes Vision Urbanetic: Sieht so das Stadtmobil der Zukunft aus?

Mercedes Vision Urbanetic: Sieht so das Stadtmobil der Zukunft aus?

Ein Fahrzeug für fast alle Einsatzzwecke. Genau das hat Mercedes-Benz Vans mit dem Vision Urbanetic jetzt vorgestellt. Der vollautonome Transporter mit Wechsel-Aufbau soll nichts weniger als die Verkehrsprobleme der Zukunft lösen.

Autonomes Fahren | Von Sebastian Schaal |

Der Anspruch ist riesig: Nichts weniger als die Transport- und Verkehrsprobleme in unseren Großstädten soll dieses Gefährt lösen. Die Entwicklung ist klar: Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass die Zahl der Millionenstädte von heute 123 bis zum Jahr 2030 auf über 700 steigen wird – mehr als 5,2 Milliarden Menschen würden dann in Städten leben. Doch die Stadtbevölkerung wächst schneller, als die Städte ihre Infrastruktur ausbauen können. Die Staus von heute sind also nur ein Vorgeschmack auf das, was bald kommen wird.

Dieses Gefährt hört auf den Namen Vision Urbanetic und wurde von den Technikern und Designern der Daimler-Sparte Mercedes-Benz Vans erdacht. Die Idee ist clever: Auf eine extrem flache Fahrzeugbasis können unterschiedliche Module aufgesetzt werden. Die "Skateboard" genannte Basis enthält alles, was das Gefährt zum Fahren braucht – Batterie, Elektromotoren und das komplette autonome Fahrsystem. Für die Module kommen vielen Möglichkeiten infrage. Naheliegend ist ein Aufsatz mit Sitzen, von Mercedes "People Mover" genannt. Auch ein simples Frachtmodul ist möglich, aber auch eine Paket-Packstation auf Rädern oder ein Schlafwagen für die Langstrecke.

Das Konzept scheint simpel. So simpel, dass Mercedes nicht die ersten mit einem solchen Ansatz sind. Bereits 2017 hat die Schweizer Ideenschmiede Rinspeed auf dem Genfer Autosalon das Concept Car Snap vorgestellt, das ebenfalls über ein "Skateboard" und austauschbare "Pods" verfügt. Erst kürzlich hat das Unternehmen von Frank Rinderknecht das Start-up Snap Motion gegründet, um das Konzept des autonomen Elektroautos mit unterschiedlichen Modulen weiterzuentwickeln. Wenn jetzt auch der Weltkonzern Daimler auf diese Idee setzt, zeigt das, dass Rinspeed wohl nicht ganz falsch lag.

Zur Vorstellung des Vision Urbanetic in Kopenhagen hat sich Daimler für den "People Mover" und das "Cargo Modul" entschieden. Die Module sollen in den Depots innerhalb von drei Minuten ausgetauscht werden können. Ein einzelnes Skateboard kann so über den Tag verteilt die verschiedensten Aufgaben erfüllen. Im Berufsverkehr werden mit den People Movern möglichst viele Menschen zur Arbeit gebracht – ein Algorithmus ermittelt dafür die bestmögliche Route. Bis zur abendlichen Rushhour wird ein Teil der Fahrzeuge mit anderen Modulen bestückt und können so zum Beispiel den Lieferverkehr entlasten.

Die Idee von Daimler ist es, dass die Skateboards möglichst 24/7 unterwegs sind. Da die Gefährte nahezu lautlos und lokal emissionsfrei sind, können sie auch in der Nacht ohne Belästigung der Anwohner fahren und so den Verkehr tagsüber entlasten. Ein Beispiel: Während Handwerker heute oft erst zur Firma fahren müssen, um das Baumaterial für den Tag abzuholen und zur Baustelle zu fahren, könnte ein Vision Urbanetic in der Nacht ein Cargo-Modul mit den Materialien an der Baustelle abliefern. Da die gesamte Fahrtechnik im Skateboard sitzt, kann es danach auch ohne Aufbau weiter zum Depot fahren und für andere Aufgaben eingesetzt werden. Leerfahrten sollen so auf ein Minimum reduziert werden, da das Fahrzeug – anders als ein heutiger Transporter – einfach auf den jeweiligen Einsatzzweck umgerüstet werden kann.

Ganzheitliches Ökosystem umgibt das Konzeptauto

Mit dem Fahrzeug allein ist es natürlich nicht getan. Um den Einsatz der Skateboards möglichst effizient zu organisieren, bettet Daimler die Fahrzeuge in ein "ganzheitliches Ökosystem" ein. "Hardware und Software funktionieren nicht isoliert, sondern nur vernetzt", sagt Mercedes-Vans-Chef Volker Mornhinweg. "Nur so können wir für jede Industrie eine maßgeschneiderte Lösung anbieten." Die Effizienz des Transports steige durch die Vernetzung der autonomen Transporter-Plattformen enorm und wird dadurch für den Kunden am Ende günstiger.

Zwei Beispiele: Eines der Fahrzeuge (unabhängig vom Aufbau) meldet einsetzenden Regen. Der Algorithmus schlägt dem Operator, der für die Stadt verantwortlich ist, vor, mehrere People Mover vorsorglich in diesen Stadtteil zu schicken – der Bedarf, trocken von A nach B zu kommen, wird in diesem Gebiet gleich steigen. Das System weiß, dass in einem bestimmten Stadtteil abends zwei Großveranstaltungen sind – etwa ein Konzert und eine Ausstellung. Zum Ende der Veranstaltungen wird der Bedarf am Personentransport größer sein. Die Skateboards werden also nicht mit einem Cargo-Modul ausgerüstet, sondern stehen als People Mover bereit.

Genau mit diesem ganzheitlichen Ökosystem will sich Daimler von dem Konzept eines Rinspeed Snap abheben. Das Modell gehe "weit über bisherige Ideen rund um autonome Fahrzeuge hinaus", so der Hersteller. "Es ist darauf ausgelegt, die Bedarfe sämtlicher Akteure im urbanen Umfeld zu erfüllen. Die Vision hinter dem Konzept sei, bei einer nahezu unveränderten Straßeninfrastruktur mehr Personen und Güter mit weniger Fahrzeugen zu befördern.

Während die Vision Urbanetic mit dem futuristischen Raumkapsel-Design des People Mover und dem an einen Rimowa-Koffer erinnernden Cargo Modul auf der Nutzfahrzeug-IAA (20.-27.9.) vor allem für Aufmerksamkeit und Reaktionen sorgen soll, hat Vans-Chef Mornhinweg für den praktischen Einsatz des Wechsel-Konzepts schon einen klaren Zeitplan im Kopf. "Wir nehmen das sehr ernst und spielen nicht nur ein wenig herum", so der Manager. "Wir hatten viele Diskussionen mit Kunden, die den Bedarf dafür sehen. Natürlich haben wir noch einige eigene Ideen hinzugefügt."

Bei der Umsetzung will Mornhinweg aber nicht warten, bis sämtliche juristischen und technologischen Hürden für Fahrzeuge, die nach Level 5 autonom fahren können, aus dem Weg geräumt sind. "Wir werden es Schritt für Schritt einführen, wenn es in bestimmten Gebieten möglich ist." Zuerst wird das auf vollkommen vom Straßenverkehr isolierten Flächen der Fall sein – etwa Flughäfen oder große Logistikzentren. Später könnten die vollautonomen E-Autos auf vordefinierten Routen, etwa im Lieferverkehr, auch auf öffentlichen Straßen unterwegs sein. Und erst im letzten Schritt auf freien Routen, wie etwa als Taxi. Auf einen Zeithorizont für die Vision eines vollautonomen Verkehrs will sich Mornhinweg nicht einlassen. Klar ist nur: Selbst der erste Schritt wird vor 2030 kaum machbar sein.

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