Maßgefertigt: Trend geht wieder zu individueller Mode

Maßgefertigt: Trend geht wieder zu individueller Mode

Mode könnte schon im kommenden Jahrzehnt in Kleinst-Fabriken individuell für den Kunden geschneidert werden. Das wäre gut für den gebeutelten Einzelhandel - und für die Umwelt.

Leben | Von DPA |

In der Bekleidungsbranche ist die Massenware nicht mehr unangefochten: Dank Digitalisierung und veränderten Kundenbedürfnissen könnten sowohl die individuelle Anfertigung auf Kundenwunsch als auch die Textilproduktion in Europa in den kommenden Jahren eine zumindest teilweise Renaissance erleben, sagen Fachleute. Das hätte nicht nur für die Kunden Vorteile, sondern auch für die Bilanzen der Hersteller - und die Umwelt.

"Es könnte wesentlich weniger Ausschussware produziert werden", sagt Christian Kaiser, Professor für Textiltechnologie an der Hochschule Albstadt-Sigmaringen. "Die Umweltbelastung würde stark reduziert." Denn Textilfabriken verbrauchen viel Wasser, auch Färben und Imprägnieren belastet die Umwelt. Kaisers Hochschule kooperiert eng mit den Deutschen Instituten für Textil- und Faserforschung Denkendorf (DITF), einer führenden Denkfabrik für die deutsche Bekleidungsbranche.

Digitale Fertigungsmethoden erlauben eine rasante Beschleunigung der Produktionszyklen. Technisch wäre es heute schon machbar, den Kunden im Geschäft per Bodyscanner die Maße abzunehmen und die Daten an die Fabrik zu übermitteln. Jacke, Kleid oder Hose könnten dann innerhalb kürzester Zeit in den Wunschfarben produziert werden. Auf der am Mittwoch zu Ende gegangenen Münchner Sportmesse Ispo präsentierten die Hochschule, DITF und Kooperationspartner aus der Industrie eine digitale Musteranlage namens "Micro Factory" (Siehe Foto).

Lange Vorlaufzeiten für kurzlebige Mode

Die Textilbranche hat traditionell lange Vorlaufzeiten: eine Kollektion im Winter, eine im Sommer. Das reiche dem Kunden heute nicht mehr, meint Kaiser. Die schnelle Reaktion auf Kundenwünsche könnte dazu führen, dass in einigen Jahren wieder mehr Bekleidung in Europa hergestellt wird, näher am Kunden.

Hinzu kommt, dass die Konfektionsware von der Stange an Attraktivität verliert. In der Sportbranche sind individualisierte Produkte auf Kundenwunsch einer der großen Trends. Denn digitale Fertigungsmethoden ermöglichen die Herstellung auch kleiner oder kleinster Serien, bis hin zum Einzelstück. Ein großer Vorteil für die Textilindustrie wären reduzierte Lagerkosten, da weniger Ware auf Halde liegt oder am Ende mangels Käufern sogar vernichtet wird.

"Das ist ein großes Zukunftsthema", sagt Hortense Carlier, Produktmanagerin bei North Face, einem US-Hersteller von Outdoorbekleidung. Im Marketingjargon heißt der Trend "Customising", den altmodischen Begriff Maßanfertigung verwendet heute kaum noch jemand. Beides ist auch nicht ganz identisch, "Customising" bedeutet bislang häufig die Wahl eines individuellen Designs durch die Kundschaft.

North Face will erstmals weg von der Konfektionsware, zumindest Luftdurchlässigkeit und wasserabweisende Eigenschaften können Jackenkäufer künftig individuell anpassen. Die ersten Produkte mit dem neuen Material sollen im Herbst auf den Markt kommen, die Fertigung auf Kundenwunsch hält Carlier im nächsten Jahrzehnt für möglich - ungefähr von 2021 an.

Zurück zur Maßfertigung?

Fortschritt ist in diesem Fall nicht gleichbedeutend mit Neuheit. Noch in den 50er Jahren boten führende Sportgeschäfte im Alpenraum Maßanfertigung von Bergschuhen oder Mänteln, bis die Kosten zu hoch wurden. Die Sportindustrie ist hier auch deshalb Vorreiter, weil Sportbekleidung in der Regel teuer ist, die Kunden ebenso anspruchsvoll wie willig, Geld auszugeben.

Auch für den von immer stärker werdender Online-Konkurrenz bedrängten Einzelhandel bedeutet die Individualisierung einen Hoffnungsschimmer. "Das Thema Customising ist ein absoluter Megatrend", sagt Andreas Rudolf, Geschäftsführer der Sporthandelskette Sport 2000. Bei Skischuhen etwa ist zwar nicht die individuelle Fertigung Standard, wohl aber die individuelle Anpassung im Laden. Die bringt höhere Renditen für die Händler. "Was den Ertrag betrifft, ist der Skischuh bei uns Cash Cow", sagt Rudolf. Sowohl Händler als auch Hersteller hoffen, dass sich dieses Geschäftsmodell von den Füßen auf den restlichen Körper ausdehnen lässt.

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