Grüne Fähren für Norwegen

Grüne Fähren für Norwegen

Ohne Fähren kommt man in Norwegens Fjordlandschaft nicht weit. Bis 2050 will Siemens im Land komplett auf grüne Binnenschifffahrt umstellen.

Verkehr | Von Bernd F. Meier

Das Ziel ist ehrgeizig, aber klar definiert: Bis zum Jahr 2050 sollen die Binnenfähren in Norwegen schadstofffrei verkehren. Die Auto- und Personenfähren kreuzen als schwimmende Brücken über die Fjorde an der zerklüfteten Westküste des rund 2000 Kilometer langen Landes. Im 24-Stunden-Betrieb stellen sie die Anbindung der abgelegenen Küstenorte und vorgelagerten Inseln zuverlässig sicher.

Im mittelnorwegischen Trondheim ist die Siemens Tochtergesellschaft Siemens AS Marine & Shipbuilding der industrielle Treiber. Das Unternehmen geht nach eigenen Berechnungen davon aus, dass mit heutiger Batterie- und Hybridtechnik 127 der 180 Binnenfähren auch elektrisch profitabel zu betreiben sind. 84 der Fähren bekämen einen reinen Elektroantrieb mit der Stromversorgung aus Batterien, bei weiteren 43 Fähren sind Hybridlösungen besser geeignet.

Die Umstellung spare jährlich 100.000 Tonnen Kraftstoff und reduziere die CO2-Emssionen in dem Zeitraum um 300.000 Tonnen, rechnet Siemens-Manager Odd Moen vor. "Dieselantrieb für Fähren ist eine Technologie von gestern."

Welche der Antriebsformen zum Einsatz kommt, hängt von der Größe des Schiffes, von der Zahl der Fahrten pro Tag und von der Länge und zeitlichen Dauer der Passagen ab. Ganz problemlos sei der Plan batterieversorgter Elektrofähren allerdings nicht, räumt Moen ein: "Wir müssen den zusätzlichen Strom erst noch an die jeweiligen Anlegestellen bringen." Mit den vorhandenen Netzen sei dies jedoch kaum möglich.

Erste Erfahrungen mit Elektrofähren

Siemens hat schon Erfahrung bei Batterietechnik im Schiffsbau sammeln können: Bereits seit März 2015 verkehrt die vollelektrische Großfähre "Ampere" im Sognefjord auf einer sechs Kilometer langen Strecke zwischen den Orten Lavik und Oppedal. 34 Mal am Tag bringt die Fähre Autofahrer über das Wasser. Für eine Strecke benötigt das Schiff mit einer Kapazität von 120 Fahrzeugen und 360 Passagieren 20 Minuten.

Zwei Elektromotoren mit jeweils 450 Kilowatt Leistung, die ihre Energie aus Lithium-Ionen-Akkus beziehen, treiben die Fähre an. Die Kapazität der Akkus liegt bei insgesamt 1.000 Kilowattstunden (kWh), ausreichend für einige Überfahrten. Innerhalb der Liegezeit von nur acht bis zehn Minuten werden die Batterien an Bord wieder "aufgefüllt". Es ist der Zeitraum, in dem Passagiere und Fahrzeuge von Bord gehen oder für die nächste Tour an Bord kommen.

Auch in der Region der beiden Orte Lavik und Oppedal ist das Stromnetz zu schwach für die direkte, schnelle Aufladung der Bord-Batterien. Daher haben die Experten an den beiden Anlegestellen jeweils eine Lithium-Ionen-Batterie als Puffer aufgestellt. Sie versorgen die Fähre beim schnellen Aufladen und saugen sich danach wieder langsam aus dem schwachen Ortsnetz voll.

Grüne Fährfahrt beginnt schon an Land

Noch stammen viele der Lithium-Ionen-Batterien aus asiatischer Produktion. Das wollen die Norweger ändern. Für sie beginnt das "Green Shipping" bereits an Land. Deshalb entwickelt Siemens in Trondheim die erste grüne Fabrik für Schiffsakkus. Rund 10,5 Millionen Euro investiert das Unternehmen in die vollautomatische Batterieproduktion.

Momentan ist die Fertigungslinie bei den Anlagenbauern in der Testphase. Im Mai 2018 sollen die Anlagen im Siemens-Werk dann in Betrieb gehen. Die Fertigung ist zu 98 Prozent Grün, da in Norwegen der Strom aus Wasserkraft gewonnen wird. Mit 1.100 Wasserkraftwerken und einer jährlichen Gesamtleistung von 32 Gigawatt ist Norwegen europaweit der größte Erzeuger von Strom aus Wasserkraft.

Streit um Kreuzfahrtschiffe

Während die Dieselantriebe bei den Binnenfähren früher oder später wahrscheinlich verschwinden werden, zeichnet sich entlang der Küste ein Konflikt um die riesigen Kreuzfahrtschiffe ab. Umweltverbände fordern, dass einige Fjorde, darunter das UNESCO-Weltnaturerbe Geirangerfjord, für die Riesenpötte mit ihren tausenden Passagieren gesperrt werden. Denn bei Windstille hängen die blauen Abgaswolken der Schiffe zwischen den bis zu 2.000 Meter aufragenden Fjordbergen fest. Oft breitet sich ätzender Gestank aus.

Die Forderung der Naturschützer spaltet die Bewohner im Fjordland. Die einen leben vom Kreuzfahrttourismus und sehen Arbeitsplätze gefährdet, andere machen sich ernsthafte Sorgen um die bisher weitgehend intakte Natur in der Region. "Die Forderung der Umweltverbände war ein Signal an die Politik zum Handeln", sagt Manuel Kliese, Direktor der Handels- und Tourismusorganisation Innovation Norway.

Nun soll das Seefahrtsamt auf Weisung von Umweltminister Vidar Helgesen bis Ende 2018 ein Regelwerk ausarbeiten. Das Ziel: Für Schiffe ohne die neuesten Umweltstandards werden die Fjorde ab 2019 gesperrt. Das dürfte zahlreiche ältere Kreuzfahrtschiffe betreffen.

Hurtigruten-Reederei baut Hybrid-Schiffe

Für die grüne Zukunft von Großschiffen setzt Norwegen selbst bereits ein Zeichen: Die Hurtigruten-Reederei lässt derzeit auf der Klevenwerft in Ulsteinvik zwei neue Expeditionsschiffe mit dieselelektrischen Hybridantrieben und Platz für je rund 600 Passagiere bauen.

Erstmals soll ein Schiff dieser Größe - 140 Meter lang, 23 Meter breit - dann 15 bis 30 Minuten lang elektrisch und ohne Schadstoffausstoß fahren. "Damit geht Hurtigruten beispielhaft voran", sagt Manuel Kliese.

Das eine Schiff, die "Roald Amundsen", soll im Sommer 2018 fertig werden, die "Fridtjof Nansen" dann ein Jahr später. Die "Roald Amundsen" wird voraussichtlich im Sommer 2019 viermal von Hamburg aus die legendäre Postschiffroute entlang der norwegischen Küste befahren.

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