SXSW: Der entspannteste Kongress der Welt

SXSW: Der entspannteste Kongress der Welt

Die Innovationsmesse South by Southwest in Austin lockt Menschen aus der ganzen Welt an. Auch Daimler, Tesla und Co. waren beim Event in Texas dabei.

Leben | Von Stefan Grundhoff

Eigentlich ist Texas nichts für USA-Anfänger. Die leichte Kost, die einem Touristenparadiese wie Kalifornien, Florida oder New York vorgaukeln, sucht man im Bundesstaat von Westernstiefeln, Cowboyhüten und Pick-ups vergeblich. Austin, die moderne Eine-Million-Einwohner-Metropole am Colorado River ist anders – ganz anders. Auch hier trägt man Stetson, verzierte Stiefel und rauscht untermalt von lauter Musik mit einem Ford F-250 durch die Stadt. Und doch ist Austin offener, jünger und auch verrückter. Die hiesigen Partymeilen und Musikclubs sind berühmt und die IT-Szene genießt längst Weltruf.

Das in den späten 80er Jahren initiierte Musikfestival South by Southwest (SXSW) ist zu einem der wichtigsten Innovationskongresse geworden. Während der zehntägigen Veranstaltung geht es um Filme, Comedy, Musik, Technologie und eine immer digitaler werdende Zukunft. Die Stimmung bei SXSW Interactive ist in ihrer Art wohl einzigartig. Das Publikum ist jung, offen, lernbegierig und zumindest nach eigenem Empfinden auf dem Weg nach oben.

Das moderne Messeleben ist entspannt

Hunderten von kunterbunten Vorträgen steht die noch farbenprächtigere Innenstadt von Austin gegenüber, die mehr als eine Woche zur wahren Partymeile wird – beinahe rund um die Uhr. Hier chauffiert einen Wonder Woman mit ihrer Fahrrad-Rikscha zu den coolsten Spots der Texasmetropole, ein paar Meter weiter wird bei einem Happening eine Hauswand bepinselt oder ein indianisch aussehender Reiter steht als Fotomotiv zur Verfügung. Niemand läuft, niemand hetzt – auch wenn die Terminpläne voll und die Warteschlangen an den zahlreichen Veranstaltungsorten gigantisch sind. Man ist entspannt und genießt die Zeit. Das ist das Messeleben im 21. Jahrhundert.

Es scheint so, als trage die ganze Stadt die orangefarbenen und grauen Bändchen um den Hals, mit denen man sich durch aufgedruckten Namen, Anstellung und Foto als Teil des feiernd-arbeitenden Ganzen offenbart. Das Spektrum der 30 bis maximal 60-minütigen Vorträge und Diskussionsrunden ist schlicht gigantisch. Mal oberflächlich, mal tiefgründig, mal hip, mal hop geht es um alle nur erdenklichen Fragen des Alltags: Zerbrochene Träume, die Nachrichten von morgen, Sprachbedienung für alles und jeden, wie die Städte der Zukunft aussehen oder wie wir uns in 20 Jahren ernähren. Niemand schaut zurück, jeder blickt nach vorne und will das Übermorgen mitgestalten.

Da ist es keine Überraschung, dass sich eine größere Jobbörse in den USA derzeit kaum finden lässt – gerne mit einem Drink in der einen und einer selbst gedrehten Spaßzigarette in der anderen Hand. Die Teilnehmergebühren zwischen 700 und 2000 US-Dollar scheinen dabei eher inspirierend zu beflügeln als abzuschrecken, denn die Listen sind voll. "Wir sind in den letzten zehn Jahren gigantisch gewachsen", erklärt Mirko Whitfield, einer der SXSW-Veranstalter. "Wir hatten Angebote von vielen Städten, auch zu ihnen zu kommen." Entschieden hat man sich zusammen mit Daimler letztlich für einen SXSW-Abstecher nach Frankfurt, am Rande der immer blasser werdenden IAA, die alle zwei Jahre am Main stattfindet.

Daimler mischt mit - allerdings ohne viele Autos

Bei South by Southwest locken einen Themen wie die digitale Zukunft, Beauty, Food, Roboter, Ethik, Blogging, Familie und das alles in einer völlig vernetzten Welt. Kein Wunder, dass auch die Autoindustrie längst auf die Zukunftsmesse aufmerksam geworden ist. Seit Jahren finden sich Vorträge von großen Autoherstellern oder kleinen Start-ups auf den Zeitplänen. Daimler hat die South by Southwest mit seinen beiden Marken Mercedes und Smart mehr als alle anderen OEMs ins Herz geschlossen und veranstaltet hier mit der "me Convention" seinen eigenen kleinen Subkongress, der seine Fortführung Anfang September in Stockholm erleben soll.

Es geht um hauseigene Mobilitätsideen, Dienstleistungen von heute, morgen und vor allem: Eine entspannte Stimmung. Während man lässig in der Sonne liegend trendigen Bands lauscht und dann wieder einmal bei einem Vortrag vorbeischaut, geht der Tag schneller zu Ende, als einem lieb ist. Allenfalls am Rande parken die eigenen Produkte, denn die Daimler-Marken wollen sich innovativ und offen als Mobilitätskonzern präsentieren, bei dem Autos nur ein Teil der Zukunft sind. Doch der ein oder andere Teilnehmer vermisst Testfahrten mit Mercedes- oder Smart-Produkten und abseits der Diskussionsrunden zum Thema autonomem Fahren wären ein paar Testkilometer mit einem Versuchsfahrzeug ebenso unterhaltend wie informativ.

Personen stehen im Vordergrund

Dabei überrascht, dass sich bei SXSW 2018 nicht mehr Autohersteller in Szene setzen. Neben dem kraftvollen und wenig fahrzeuggeneigtem Auftritt der Stuttgarter fehlen andere Marken, die in den vergangenen Jahren noch mit eigenen Auftritten (beispielsweise Nio) oder größeren Vorträgen (beispielsweise Ford) glänzten. Eher irritierend erscheint da ein winziger Auftritt von Tesla auf einem grünen Kunstrasen unter dem Vordach eines namenlosen Hochhauses an der traditionsreichen Congress Avenue. Dass es bei South by Southwest nicht nur um Inhalte, sondern nicht zuletzt auch um Personen geht, zeigt, dass sich für den Auftritt von Tesla-Guru Elon Musk bereits Stunden vor dem Beginn der Diskussion lange Schlangen bildeten, während bei anderen Autothemen die Hälfte der Sitze leer blieb.

"Die Autoindustrie wird sich in den nächsten fünf oder zehn Jahren mehr verändern als in den vergangenen 50 Jahren", sagt Daimler-Marketingchef Jens Thiemer. "Die Leute warten heute nicht mehr auf eine neue A- oder S-Klasse. Es geht um Mobilität." Doch etwas produktgeneigter dürfte es wohl auch auf einem Innovationskongress wie South by Southwest werden. Schließlich verdienen die Autohersteller auf absehbare Zeit damit noch ihr gutes Geld, um die anderen Ideen überhaupt finanzieren zu können. Und schließlich haben die meisten nach wie vor viel Spaß daran, selbst zum Lenkrad zu greifen – das sollte sich trotz allen Mobilitätsideen erst einmal nicht ändern. Auch nicht bei SXSW in Austin.

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