Road Trip: Mit dem Twizy zum Nordkap

Road Trip: Mit dem Twizy zum Nordkap

Renaults Twizy ist für Auto-Traditionalisten ein Albtraum: wenig Leistung, keine Heizung, nicht einmal Fenster. Otto Schönbach ist den Gegenbeweis angetreten und mit dem Twizy in den Urlaub gefahren. Ans Nordkap. Sein Fazit: Es gebe kein Fahrzeug, mit dem man ein Land besser kennenlernen könne.

Reisen | Von Tobias Finger |

Herr Schönbach, Sie sind mit einem Renault Twizy zum Nordkap gefahren. Das klingt nach einer echten Herausforderung. Die erste Frage, die sich da den meisten Menschen vermutlich stellt: Wieso?
Im Endeffekt geht es darum, verrückte Aktionen zu machen, um Leute auf eine besondere Art und Weise für das Thema E-Mobilität zu faszinieren. Deshalb begleite ich meine Touren auch auf Social Media und im Twizy-Forum, wo insgesamt mehrere tausend Leute meine Reise verfolgt haben. Davon abgesehen, habe ich persönlich einfach riesigen Spaß an diesem Fahrzeug. Reisen mit dem Gefährt ist einfach eine ganz andere Nummer. Es ist die Entdeckung der Langsamkeit, von ganz viel Menschsein, von Land und Kultur. Etwas Vergleichbares erlebt man nicht, wenn man mit dem Auto fährt. Mit einem Auto lernt man den Tankstellenkassierer kennen und sonst nichts.

Was macht für Sie den Unterschied aus?
Der Urlaub mit einem gewöhnlichen Auto geht normalerweise von A über B nach C, die Wege dazwischen sind eine Notwendigkeit. Mit dem Twizy ist das anders, was vor allem an der Reichweite von 100 Kilometern liegt. Im Schnitt bin ich etwa 60 Kilometer pro Etappe gefahren, um einen Puffer zu haben. Stromtechnisch sieht es gerade in der Tundra natürlich nicht so gut aus. Alle 60 Kilometer musste ich also Leute ansprechen, um die nächste Akkuladung zu bekommen. Bei rund 7.000 Kilometern gibt es also einige Gelegenheiten, neue Menschen kennenzulernen. Dabei erfährt man dann so viel über das Land, die Natur und die Leute. Ich war bei Einsiedlern mitten im Nirgendwo, samische Künstler haben mich in ihre Kultur eingeführt, wildfremde Leute haben mich eingeladen und wie Familie behandelt. Das ist etwas Besonderes.

Sie hatten also keine konkrete Route?
Nein, ich hatte nur die grobe Tour und habe mich dann davon leiten lassen, was mir auf dem Weg passiert. Manche haben mir dann gesagt: "Fahr da lang, das ist eine schöne Strecke!" Oder: "Du kannst noch meinen Onkel dort besuchen!" So kommt man intensiver und mit viel mehr Leuten in Kontakt. Das ist wahrscheinlich ähnlich, wenn man mit dem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs ist. Aber da wäre das Feedback nicht das gleiche.

Wieso?
Ein Twizy ist nach wie vor kein alltäglicher Anblick. Und dementsprechend oft wurde ich auch angesprochen. Die Leute interessieren sich, wollen wissen, was man macht und wieso. Dadurch hat man gleich viel mehr Kontakt. Am Hardrock-Café im Stockholm habe ich Fotos mit dem ganzen Team gemacht, in einem Elch-Park habe ich eine private Tour bekommen und ich konnte Kontakte zu anderen Menschen und Unternehmen knüpfen, die sich für E-Mobilität engagieren.

Wurde es denn auch mal eng in Sachen Akku?
Tatsächlich würde ich sagen, ich hatte in Brandenburg mehr Probleme als am Polarkreis. (lacht) Ich bin von vorneherein eher zu Privatleuten gegangen. Aber es gibt auch häufig Steckdosen an Parkplätzen, die eigentlich dazu da sind, im Winter die Motoren von Autos mit Verbrennungsmotoren vorzuwärmen. Die konnte ich auch nutzen. Auf der letzten Etappe wurde es zwar schon knapp, in einem winzigen Ort wurde ich zweimal auf der Suche nach einer Steckdose abgewiesen und ich dachte schon, das war’s jetzt. Aber im Endeffekt hat doch noch alles geklappt.

Wie war das Gefühl, als Sie nach diesen "Unwegbarkeiten" endlich am Ziel waren?
Ich bin morgens um 3.30 Uhr in etwa angekommen, nach 32 Stunden ohne Schlaf. Ich war ziemlich fertig, aber mindestens genauso glücklich. Um die Uhrzeit war natürlich niemand vor Ort, also konnte ich direkt durchfahren zu dem riesigen Globus, der das Wahrzeichen des Nordkaps ist. Erstmal habe ich natürlich den Moment genossen, Fotos gemacht und ein kurzes Video aufgenommen. Dann gingen die Gedanken allerdings recht schnell wieder an die nächste Ladung.

Neben dem mentalen Stress auf der Suche nach Steckdosen sind mehr als 6.000 Kilometer in einem für kurze Strecken in der Stadt ausgelegten Kleinfahrzeug auch für den Körper nicht gerade bequem, oder?
Serienmäßig gibt es keine Heizung, das stimmt. Klar muss man bei dem Wind, der feuchten Luft und der Kälte aufpassen, dass man nicht auskühlt. Aber bei den Samen habe ich mir dann Rentierfelle gekauft, eins zum Sitzen und eins zum Zudecken. Die wurden dann auch noch wichtig. Und als ich im Dezember dreieinhalb Tage nach Paris zur Klimakonferenz gefahren bin, hatte ich mir schon eine Sitzheizung gegönnt.

Es war also nicht ihre erste Tour dieser Art.
Nein, ich habe schon verschiedene Projekte gemacht. Zum Beispiel die Bundes-Twizy-Tour. Da habe ich das erste Mal so richtig Deutschland kennengelernt, als ich 4000 Kilometer kreuz und quer durch die Bundesrepublik gefahren bin. Diese Touren haben einfach einen ganz besonderen Reiz. Abseits der persönlichen Erfahrung geht es darum, Leute zum Nachdenken zu bringen. Wir haben aktuell so große Probleme, die wir in den nächsten zehn Jahren lösen müssen, sonst steuern wir auf der Welt klimatisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich auf einen Abgrund zu. Deshalb müssen wir etwas ändern.

Wie können wir das Ihrer Meinung nach schaffen?
Mit dem erhobenen Zeigefinger oder rationalen Argumenten kommt man bei vielen Menschen nicht weit. Aber mit Emotionen, mit Freude und Leidenschaft kann man sie erreichen. Und ich mache eben Sachen, die so verrückt sind, dass die Leute das verfolgen und sehen, dass ich mit einer winzigen Batterie, mit der Leute sonst vielleicht Brötchen holen fahren, bis über den Polarkreis hinaus und wieder zurückfahre. Das bringt Leute auf andere Gedanken, wenn sie sehen, dass sie keinen gigantischen SUV mit Riesenmotor brauchen, sondern vielleicht selber elektrisch mobil sein können.

Welches Projekt steht also bei Ihnen als nächstes an, um weiter die Fahne der E-Mobilität hochzuhalten?
Tja, das Problem ist, dass ich in Europa eigentlich alle Rekorde geknackt habe. Auf dem Rückweg nach München habe ich noch einige Schlenker gemacht, weil jemand anderes, inspiriert durch meine Tour, bis nach Spanien gefahren ist. Sechseinhalbtausend Kilometer. Den Rekord wollte ich dann schon wiederhaben. Mit 6.700 ist mir das gelungen. Längste Reichweite mit einer Akkuladung, längste Distanz an einem Tag, weiteste Strecke – die Rekorde halte ich alle. Als nächstes müsste ich weitergehen. Ans Kap Horn fahren zum Beispiel. Oder eine Weltumrundung mit dem Twizy.

Das klingt doch gut.
Klar. Aber das erfordert wohl noch etwas mehr Planung. Aber auch abseits vom Twizy liegt mir das größere Thema am Herzen. Als ich mit der Fähre zurück nach Bergen gefahren bin, wurde mir das eindrücklich verdeutlicht. Da sind Menschen, die eine Pauschalreise buchen, mit dem Schiff die Küste runterfahren und sich gegenseitig versichern, wie schützenswert und großartig diese Natur um sie herum ist. Und am selben Tag hören sie von dem Bordtechniker, dass dieses eine Schiff auf dieser einen Fahrt 250.000 Liter Öl verbraucht. Und dann unterhalten sich die Leute auch noch darüber, wie sie mit dem Flugzeug nach Hause fliegen und dass sie ja nächstes Jahr auf jeden Fall wiederkommen.

Das klingt allerdings weniger gut.
Das hat mich wirklich mitgenommen. Jeder möchte eigentlich eine Zukunft haben für unsere Kinder haben. Versorgt sein, medizinisch, genug zu essen und zu trinken haben, eine Arbeit. Trotzdem schauen viele Menschen zu, wie unser Planet den Bach runtergeht und tragen noch dazu bei. Dabei müssen wir die Chancen, die wir haben, jetzt nutzen. Wir haben genug Geld und genug technische Möglichkeiten. Wir müssen es einfach nur tun. Und dazu möchte ich meinen Teil beitragen. Das Feedback von Leuten, die vorher nichts mit E-Mobilität am Hut hatten, dann meine Tour verfolgt haben und sich jetzt eingehender mit dem Thema beschäftigen, macht mir Hoffnung.

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