"Retrokäfer": Großschlachter Tönnies baut E-Auto

"Retrokäfer": Großschlachter Tönnies baut E-Auto

Mit seinem Start-up schlachtet Fleischmagnat Robert Tönnies alte Käfer aus und setzt sie zu einem E-Flitzer zusammen, der Retro-Fans das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt.

E-Mobilität | Von Wolfgang Schäffer

Die Kulisse im Schlosspark von Rheda im Ostwestfälischen ist malerisch. Alter Baumbestand, ein Bachlauf mit kleinem Teich, Fachwerkbauten. Eigentlich fehlt hier nur noch ein Pferdefuhrwerk. Stattdessen glänzt der rote Lack eines VW-Käfer Cabrios Baujahr 1971 in der Sonne. Daneben steht Robert Tönnies - mit leuchtenden Augen den Wagen im Blick. Es ist der erste umgerüstete Retrokäfer, der von einem E-Motor angetrieben wird.

Der 39-Jährige ist so etwas wie ein Großschlachter, hält als Gesellschafter 50 Prozent an Europas größtem Fleischkonzern. In dem Familienunternehmen mit Stammsitz im ostwestfälischen Rheda-Wiedenbrück geht es vor allem ums Schlachten, Zerlegen und Verarbeiten von Schweinen, Sauen und Rindern. Der Umsatz beträgt mehr als sechs Milliarden Euro.

Weniger ums Geldverdienen denn um eine persönliche Leidenschaft geht es bei dem neuen Projekt von Robert Tönnies. Der Mann, der sich erst kürzlich nach jahrelangem Rechtsstreit um die Macht im Konzern mit seinem Onkel Clemens Tönnies, Aufsichtsrat beim Bundesligisten Schalke 04, geeinigt hat, weitet sein Geschäft mit der Elektromobilität aus.

Elektrifizierter Retrokäfer

Gemeinsam mit seinem Partner Dennis Murschel (45) aus Renningen bei Stuttgart hat er die Marke Retrokäfer gegründet, um mit einem außergewöhnlichen Elektroauto Begeisterung für diese Art der Fortbewegung zu wecken. Bei der Suche nach einem entsprechenden Fahrzeug mit offenem Verdeck waren Tönnies Kultstatus, Seele und Zeitlosigkeit wichtig: „Wir wollten eine symbolische Brücke von der Vergangenheit in die Zukunft schlagen. Für uns erfüllt das Käfer Cabrio alle diese Bedingungen am besten.“

Anderthalb Jahre hat es gedauert, bis der Prototyp fahrbereit war. Robert Tönnies kann es kaum erwarten, sich ans Steuer zu setzen, um Mitfahrern zu demonstrieren, wie stark der Antritt des lautlos dahinrollenden Käfers ist. Für den Antrieb ist eine 100 kW-Maschine von Bosch verantwortlich, die ihre Energie aus einer in China hergestellten Lithium-Eisen-Phosphat-Batterie (LiFePo) mit 22 Kilowattstunden bezieht.

Motor samt Steuerung, Akku und Getriebe mit einem Gewicht von 650 Kilogramm sind in einem doppelten Boden des Käfers angesiedelt. Die Reichweite soll bei 150 Kilometern liegen. Die Ladezeit an einer Schnellladestation beziffert Tönnies mit einer Stunde, an der Haushaltssteckdose sind es sechs Stunden.

Zu kaufen indes wird der 1000 Kilogramm schwere Retrokäfer vorerst nicht sein. Die wenigen Autos, die noch in diesem Jahr fertiggestellt werden und die geplanten 20 in 2018 gehen allesamt an Hotels der ersten Kategorie. Dort können Gäste den elektrisch angetriebenen und luxuriös ausgestatteten Retrokäfer für 220 Euro am Tag mieten. „Die Nachfrage ist derzeit größer als unser Angebot“, erklärt Tönnies.

Historische Käfer in schlechtem Zustand

Zwar kämen pro Jahr um die 1500 historische Käfer auf den Markt. Das aber zum Teil in einem desolaten Zustand. Die würden dann auch als Ersatzteillager genutzt. „Und aufs Zerlegen verstehe ich mich gut“, schmunzelt der gelernte Metzger, der erst von 2019 an daran denkt, die Autos auch zu verkaufen. Zu einem Preis von 119 000 Euro.

Wie sehr Robert Tönnies auf die E-Mobilität setzt, ist daran zu erkennen, dass er bereits Anfang 2016 die E-Auto-Leasingfirma „Electrify“ gegründet hat. Vor allem Pflegedienste, aber auch Privatleute zählen zu den Kunden. Mehr als 150 E-Autos umfasst die Flotte inzwischen. Anfang des Jahres waren es noch 80, Ende 2018 sollen es bis zu 400 Autos sein.

Der Invest in diesem Jahr beträgt 1,5 Millionen Euro, für 2018 kündigt Tönnies 3,5 Millionen Euro an. Schwerpunkt des Geschäftsgebiets sind Ostwestfalen-Lippe und der Raum Osnabrück, Dortmund wird folgen. Im ersten Jahr lag der Umsatz bei 200 000 Euro, 2017 sollen es 100 Prozent mehr sein. „Wir schreiben eine schwarze Null. Der Unternehmensaufbau und der Zuwachs an Marktanteilen steht derzeit im Vordergrund. Es geht mir nicht um eine Maximierung des Gewinns“, sagt Tönnies – und das muss es ja auch nicht, als 50-prozentiger Gesellschafter von Europas größtem Fleischkonzern.

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