Post führt Autobranche mit eigenem E-Transporter vor

Post führt Autobranche mit eigenem E-Transporter vor

Die Deutsche Post DHL Group lässt ihren eigenen Elektro-Transporter von einem Hochschul-Start-up bauen - mit Erfolg.

E-Mobilität | Von Peter Vollmer

Um den Erfolg eines Unternehmens zu messen, braucht es nicht immer Umfragen oder Kennzahlen. Im Fall von Postvorstand Jürgen Gerdes reicht es, einfach zuzuhören. Als er Mitte August den StreetScooter XL in Köln vorstellt, ist seine gute Laune fast ansteckend. Humorige Einwürfe wechseln sich mit Wortspielen ab. „Wir haben ein faszinierendes Fahrzeug auf die Räder gestellt“ ist so eines. Und mit großer Begeisterung klemmt er sich für den Fototermin selbst hinters Lenkrad.

Mit dem Aufkauf von StreetScooter hat die Post vieles richtig gemacht. Ursprünglich war es eine marktnahe Forschungsinitiative der Aachener Professoren Günther Schuh und Achim Kampker. Der hochgewachsene Schuh macht derzeit mit dem kleinen E-Auto „eGo“ Schlagzeilen, das Ende des Jahres für rund 15.000 Euro auf den Markt kommen soll. Der jugendlich wirkende Kampker ist mittlerweile Geschäftsführer der StreetScooter GmbH, die die Deutsche Post DHL 2014 gekauft hat.

Großer Transporter für Innenstädte

Bei der Vorstellung in Köln ist Kampker auch dabei, deutlich zurückhaltender als Gerdes. Nur, dass der StreetScooter eine bessere Umweltbilanz haben wird als vergleichbare Verbrenner, das will er in großer Runde klarstellen. Das war von Anfang an das Ziel von StreetScooter, die verschiedene kleine und große Konzeptfahrzeuge entwickelten: Umweltfreundliche Fahrzeuge herzustellen.

Über Sinn und Unsinn eines Elektro-SUVs lässt sich streiten – dass die Post jedoch insbesondre die großen Diesel-Transporter in den Städten ersetzen will, dürfte selbst bei Kritikern der E-Mobilität Anklang finden: Es bedeutet sofort weniger Abgase und weniger Lärm.

Es gibt fünf Modelle: Ein Fahrrad, ein Trike und drei Transporter. Letzterer heißt "Work", hat vier Kubikmeter Ladefläche und existiert auch in den Varianten L (acht Kubikmeter) und XL (20 Kubikmetern). Letzterer ist insbesondre in Städten unentbehrlich, denn Rückfahrten zum Lager rauben zu viel Zeit – sind in Städten durch das hohe Paketaufkommen pro Bezirk aber bei der Work-L-Variante bislang notwendig.

Bei der großen Version stieß die Post-Tochter Streetscooter allerdings an ihre Grenzen. Und während 2014 noch kein Autohersteller in Sicht war, der bei der Elektrifizierung des Fuhrparks helfen wollte, und man deshalb das Aachener Start-up kaufte, so hat sich mittlerweile mit Ford ein Partner gefunden, den Vorstand Gerdes auch in höchsten Tönen lobt.

StreetScooter in Aachen, die Post in Bonn, Ford in Köln – das ist räumlich keine Distanz. Auch wenn das Fahrgestell aus dem türkischen Ford-Werk in Kocaeli kommt, so wurde die neue Elektrik in rheinischer Zusammenarbeit entwickelt. 2500 Gestelle liefert Ford 2018. Steven Armstrong, der Brite ist seit Juni Fords neuer Europa-Chef, ist vom Typ her zurückhaltender als Gerdes, doch auch er sieht die Zusammenarbeit als Erfolg und sagt mit Blick auf die Kooperation: „Wir haben noch Potenzial.“

Das ist gar nicht abwegig. Im Aachener StreetScooter Werk werden derzeit 5000 Fahrzeuge hergestellt. Nun soll eine zweite Schicht dafür sorgen, dass sich die Zahl verdoppelt. Zudem soll es noch ein Werk in NRW geben. Rechnerisch könnte StreetScooter 30.000 Work-Modelle aller drei Klassen herstellen.

Dem gegenüber steht Deutschlands größter Fuhrpark, knapp 50.000 Fahrzeuge von Deutsche Post DHL. Über 10.000 davon gehören zu der XL-Klasse, die derzeit Pakete auf der „letzten Meile“ zustellen, also von den Verteilzentren vor Ort an die Wohnungstür liefern. Meist in Städten.

Und, das betont Gerdes, der E-Commerce genannte Internethandel wird künftig für noch größere Aufkommen sorgen. Die Post investiere also in die Zukunft. Einerseits, weil ihr kaum eine Alternative bleibt. Langfristig werden die lauten und dreckigen Dieselfahrzeuge aus den Städten verschwinden. Andererseits stehe dahinter auch eine Mission: „Wir haben eine Verantwortung“, findet Gerdes.

Klimaziel: "CO2-neutral bis 2050"

„Der zunehmende E-Commerce schädigt aber auch die Umwelt. Deshalb müssen wir CO2-neutral zustellen.“ Bis 2050 will die Deutsche Post DHL das schaffen. Die StreetScooter sind ein erster Schritt, aber der Logistiker braucht auch LKW, die schwieriger zu elektrifizieren sind. Von Flugzeugen und Schiffen ganz zu schweigen. Gerdes weiß das – „Größere Fahrzeuge, mit Partnern, gerne.“ Selbst? Da habe er noch keine Meinung zu, sagt er diplomatisch.

Das Beispiel des Work XL zeigt, die Partnersuche wird leichter. Die großen Autohersteller haben den Plan, einen Fuhrpark mit nicht einmal 50.000 Fahrzeugen umzurüsten, vor Jahren noch als unbedeutend abgetan. Und damit wieder ein Kapitel in der Geschichte der E-Mobilität verschlafen. Denn mittlerweile zeigt sich: Die externe Nachfrage nach elektrifizierten Transportern ist noch einmal deutlich größer.

Handwerker und Mittelständler fordern Elektro-Transporter

Die Städteregion Aachen, der Fischhändler Deutsche See oder der Hildener Bäckermeister Schüren – nur drei Beispiele dafür, wie sehr sich nicht nur der Mittelstand nach einem günstigen, sauberen Transportmittel sehnt. Und das nicht, um den Kunden ein Image-Element vorführen zu können: Die Schürens, Kampkers und Gerdes' denken durchaus umweltbewusst. Glaubhaft erklärt der Post-Vorstand: “Meine Motivation [für dieses Projekt] wäre nicht geringer, wenn es Dieselgate nicht geben würde.”

Doch der Zeitpunkt ist ideal: Während die Konkurrenz im selbstgemachten Diesel-Betrugsskandal kaum noch Luft bekommt, mausert sich die Post zum Vorzeige-Mobilisten. Zumal das Projekt StreetScooter keine Mehrkosten bringe, so Gerdes: „Eine Bedingung war, dass es für uns am Ende nicht teurer wird als bisher. Das ist uns gelungen.“

In zehn Jahren werde die Flotte auf der letzten Meile weitgehend umgestellt sein. Ein erster Schritt auf dem Weg zur CO2-Neutralität, aber eben nur einer. Aus dem Straßenverkehr kommt nämlich nur ein Fünftel der Konzernemissionen, der mit 65 Prozent größte Teil hingegen aus dem Lufttransport. Dass Gerdes sich in ein paar Jahren mit ähnlicher Begeisterung am Köln-Bonner Flughafen ins Cockpit eines Elektro-Leichtfliegers zwängt, ist unwahrscheinlich. Doch das Unternehmen hält weiter nach spannenden Start-ups Ausschau. Und die gibt es schließlich auch im Bereich Aviation.

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