Pedelecs für Jedermann und jeden Zweck

Pedelecs für Jedermann und jeden Zweck

Die Neuheiten der Zweiradindustrie, die Anfang September auf der Eurobike in Friedrichshafen präsentiert werden, belegen: Die Technik des Fahrrads ist noch längst nicht ausgereizt. Und die Zukunft des e-Bikes hat gerade erst begonnen.

E-Bikes | Von Franz W. Rother |

Großpapa und Großmama haben schon länger eins. Papa und Mama rollen seit einem Jahr mit elektrischer Trittunterstützung durchs Grüne. Und da sollen Felix und Leonie noch selber strampeln? Nichts da - der Nachwuchs kriegt jetzt auch ein e-Bike, damit sie mit den Alten mithalten können. Zwar nur mit einem 200 Watt starken Heckmotor und Akku, der nur 252 Wattstunden Strom speichert. Aber damit sollte die gemeinsame Radtour durch das Bergische Land, die Eifel oder den Teutoburger Wald auch stressfrei verlaufen. Jetzt müssen sich Opa und Papa nur noch einigen, wer die rund 1200 Euro spendiert, die das elektrifizierte Kinderrad E-troX des Bielefelder Herstellers coolmobility für Sechs- bis Achtjährige kostet.

Glänzende Geschäfte

Die Elektrifizierung des Fahrrads schreitet munter voran und findet immer neue Anwendungszwecke und Spielarten. Kinderräder, Cityräder, Rennräder, Lastenräder machen mit Akku und Elektromotor wesentlich mehr Spaß. Und das gilt nicht nur für die Besitzer und Nutzer, sondern auch für die Hersteller und Händler. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland rund 980.000 Pedelecs (bis 25 km/h schnell) und S-Pedelecs (bis 40 km/h) verkauft - in diesem Jahr dürften es deutlich über eine Million E-Bikes werden, schätzen Experten der Zweiradbranche. Das verheißt goldene Zeiten bei Verkaufspreisen von 2500 bis zu 10000 Euro und Margen um die 30 Prozent. Kein Wunder, dass einige Hersteller inzwischen nicht mehr in die Weiterentwicklung ihrer Bio-Bikes investieren - Fahrräder, die allein von Muskelkraft angetrieben werden.

Dafür wird das Angebot an E-Bikes immer größer und die Technik in rasanter Geschwindigkeit immer weiter verfeinert. Auf der 28. Ausgabe der Fachmesse Eurobike, die vom 4. bis 7. September in Friedrichshafen am Bodensee stattfindet und am letzten Tag auch fürs breite Publikum geöffnet ist, zeigt die Branche die Neuigkeiten des Modelljahrs 2020. EDISON hat einige der Innovationen bereits gesehen - und durfte einige davon auch schon testen. Also: Wohin geht die Entwicklung?

Stärkere Antriebe

Auf jeden Fall hin zu Motoren mit mehr Drehmoment, geringerer Geräuschentwicklung und kompakteren Abmessungen. Brose hat mit dem Drive S Mag-Antrieb die Richtung gewiesen, wie auch ein Test von EDISON eindrucksvoll belegte. Der Autozulieferer hat an seinem Standort in Berlin bereits im vergangenen Jahr einen Motor entwickelt, der in der Branche inzwischen als Maßstab gilt, mit einem maximalen Drehmoment von 90 Newtonmeter und einer maximalen Unterstützung von bis zu 410 Prozent der eingesetzten Muskelkraft. Dank eines carbonverstärkten Zahnriemens arbeitet der bürstenlose Mittelmotor, der sich um das Tretlager gruppiert, auch unter Last flüsterleise. Und bei Erreichung der gesetzlichen Höchstgeschwindigkeit von 25 km/h - die es erlaubt, mit dem Pedelec auch Rad- und Waldwege zu benutzen - koppelt sich der 3,4 Kilo schwere Motor vollständig aus, so dass das Rad auch dann noch kommod bewegen lässt, wenn der Akku erschöpft sein sollte.

Marktführer Bosch hat auf das Kraftpaket aus Berlin inzwischen reagiert und die vierte Generation seiner Performance CX-Line auf den Markt gebracht - mit 2,9 Kilogramm Gewicht um ein Viertel leichter und die Hälfte kleiner als das Vorgängermodell, mit 75 statt 60 Newtonmeter Drehmoment in der Spitzenversion, aber, so der Testeindruck, immer noch etwas lautstärker brummend als der Brose-Antrieb.

Aber da gibt es ja noch einen anderen Herausforderer aus der Autoindustrie: Sachs. Ein Jahr nach der Präsentation des Prototypen stellt die ZF-Tochter aus Schweinfuhrt nun in Friedrichshafen die Serienversion seines RS-Antriebs vor - eingebettet in den Rahmen des Mountainbikes e-Rush von Bulls. Ein Kraftpaket mit 700 Watt Leistung und 110 Newtonmeter Drehmoment, mit einem Gewicht von 3,5 Kilo allerdings auch etwas schwerer als die Konkurrenten. RS steht für Racing Sport und macht deutlich, wofür der Antrieb gedacht ist, der zusammen mit dem Batteriehersteller BMZ und dem Bremsspezialisten Magura entwickelt wurde: Für dauerhaftes, kraftvolles Klettern und das Befördern von schweren Lasten - noch in diesem Jahr soll er erstmals auch in einem Lastenrad zum Einsatz kommen. Die Beschleunigung ist in der höchsten Unterstützungsstufe geradezu atemberaubend. Und zu hören ist dann auch nur der Fahrtwind. Das schräg verzahnte Planetengetriebe im Innern, das in einem Wälzlager geführt wird, leistet ganze Arbeit - und das schon bei Trittzahlen um die 50.

Größere Akkus

Da ist es ganz gut, wenn sich zu dem starken Motor auch eine Batterie mit großen Energiereserven gesellt. 500 Wattstunden sollten es schon sein, 625 Wattstunden sind natürlich noch besser. Aber inzwischen bieten einige Hersteller sogar Speicherlösungen mit einer Kapazität von mehr als einer Kilowattstunde an - bei sorgsamer Dosierung kommt man damit im Flachland mehrere Hundert Kilometer weit im Eco-Modus. Und zu sehen ist von den Kraftpaketen so gut wie nichts mehr: Die Integration in den Rahmen, ins Unter- oder Oberrohr ermöglicht sehr elegante, unauffällige Rahmendesigns. Von dem Trend kann sich auch Riese+Müller nicht mehr entkoppeln, wie Unternehmensgründer Markus Riese im Gespräch mit EDISON einräumt. Im Jahr zuvor hatte er das kunstvoll aufgehängte - und deutlich sichtbare - Power-Packs am Rahmen der Delite-Modelle noch als Statussymbol zu verkaufen versucht. Doch bei den Nachfolgern des Modelljahrs 2020 haben sich die Energiespeicher ganz klein gemacht und im Rahmen versteckt. Die Intube-Technologie und die neuen schlanken Powertubes von Bosch machen es möglich.

Es gibt sie mit Speicherkapazitäten von 400, 500 und auch 625 Wattstunden. Und wenn man es wie die Designer von Bulls besonders geschickt anstellt, kriegt man in den Rahmen des neuen Mountainbikes namens Sonic sogar zwei davon. Karl Platt, vielfach siegreiche Mountainbiker-Legende aus der Pfalz, zeigte sich nach Testfahrten damit auf der Bike-Show der Einkaufsgemeinschaft ZEG in Köln schwer beeindruckt: "Die e-Moutainbikes entwickeln sich derzeit rasant - darüber ist ein ganz neuer Sport entstanden."

Größere Lasten

Aber der technische Fortschritt kommt nicht allein Sportlern wie Platt entgegen. auch die Nutzfahrzeug-Anwendungen profitieren. Die Elektrifizierung der Antriebe lässt Lastenrädern zumindest im Stadtverkehr zu ernsthaften Konkurrenten von Kleinlieferwagen werden. Bis zu 300 Kilo Nutzlast nimmt beispielsweise das dreirädrige Modell Tender des holländischen Herstellers Urban Arrow auf. Damit das im Stadtverkehr sicher funktioniert, sind an der aufwändig konstruierten Vorderachse des bis zu 3,60 Meter langen Gefährts Autoräder montiert. Und geschaltet wird per Knopfdruck mit einem Getriebe von Rohloff. Kostenpunkt: 7790 - ohne Aufbauten wie etwa eine Kühlbox für 11.500 Euro oder eine abschließbare Kiste mit drei Rolltoren für 4350 Euro.

In eine ähnliche Richtung geht die "Ameise", die Lastenrad-Konstruktion "Ant" der ZEG, die immerhin bis zu 160 Kilo Nutzlast aufnehmen kann - und dank Komponenten von Motorrollern und aus der Autoindustrie besonders widerstandsfähig und verschließarm sein soll im harten Tagesgeschäft etwa eines Logistikunternehmens oder einer Straßenreinigung. Dafür wurden unterschiedliche Lademodule für unterschiedliche Einsatzzwecke konstruiert, die vor und hinter dem Fahrer befestigt werden können. Angetrieben wird das Schwerlasten-Bike neben der Muskelkraft des Fahrers von einem 250 Watt starken Elektromotor von Erzmo aus Sachsen, der normalerweise bei Industrieanwendungen zum Einsatz kommt. Gesteuert wird dieser über einen Drehgriff am rechten Lenkerhorn. Das erlaubt es beispielsweise einem Postboten, in seinem Zustellbezirk neben dem Dreirad herzugehen und Briefe und Päckchen aus einer Box zu entnehmen. In der Serienausführung soll die Ameise sogar über einen Rückwärtsgang verfügen.

Neue Ideen

Da soll niemand sagen, das Fahrrad wäre technisch bereits ausgereizt. Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, die einen echten Fortschritt bringen. So hat Markus Riese im Zuge der Modellpflege für das "Load 60" das Lastenrad mit einem Mountainbike gekreuzt, ihm Bremslichter und ein Fernlicht spendiert und sogar eine Hupe. Und die Ladefläche vorne lässt sich mit ein paar Handgriffen in einen Kindertransporter verwandeln - so lässt sich das Dienstrad am Wochenende oder nach Feierabend als Familienkutsche nutzen.

Weiter perfektioniert hat der passionierte Zweirad-Ingenieur und kreative Querlenker für das Modelljahr 2020 auch das Modell Multicharger - einen Zwitter aus Mountain-, City- und Lastenrad. Das Multitalent mit einer Ladefläche vorn und - als Option - einer Sitzbank für bis zu zwei Kinder hinter dem Sattel des Fahrers kann künftig auch mit einem Trittbrett nachgerüstet werden. Dort können nicht nur die Füße der Kleinen sicher ruhen, sondern kann auch das Vorderrad eines Kinderrads eingesteckt werden, wenn dem Nachwuchs beim Familienausflug die Puste ausgeht. Papas oder Opas e-Bike wird so zum Abschleppwagen.

Das wäre dann vielleicht auch eine preiswerte Alternative zum e-Bike für den Nachwuchs.

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