Hybrid-Kreuzfahrtschiff: Elektrisch in den Fjord

Hybrid-Kreuzfahrtschiff: Elektrisch in den Fjord

Hybridantrieb, kein Einwegplastik und flüssiges Biogas aus Fischereiabfällen als Kraftstoff: Hurtigruten will die Kreuzfahrtindustrie umweltfreundlicher machen.

Schiffe | Von Bernd F. Meier |

Wenn die MS Roald Amundsen am 17. Mai 2019 in Lissabon zur Jungfernfahrt nach Hamburg startet, beginnt in der Kreuzfahrtindustrie ein neues Zeitalter: Die Amundsen ist das weltweit erste Expeditions-Kreuzfahrtschiff mit Hybridtechnologie. "Hybrid-Motoren reduzieren den Kraftstoffverbrauch erheblich und können durch elektrische Energie auf Teilstrecken für komplett emissionsfreie Fahrt sorgen", so Hurtigruten-CEO Daniel Skjeldam.

Lautlos wird das 140 Meter lange Expeditionsschiff mit bis zu 530 Passagieren und den 151 Besatzungsmitgliedern in die sensible Natur etwa der Nordwest-Passage und der Fjorde in Alaska hineingleiten können. Die Hybrid-Technologie wird den Kraftstoffverbrauch reduzieren und damit auch den Ausstoß von CO2 um bis zu 20 Prozent senken.

Neben der MS Roald Amundsen entsteht derzeit auf der Kleven Werft im norwegischen Ulsteinvik mit der MS Fridtjof Nansen ein baugleiches Schwesterschiff, ebenfalls für Expeditionskreuzfahrten. MS Fridtjof Nansen soll im zweiten Quartal 2021 die erste Reise antreten. In die beiden Schiffe investiert die 125 Jahre alte, traditionsreiche Postschiffreederei einen Gesamtbetrag von mehr als 300 Millionen Euro. Damit nicht genug: Noch im ersten Quartal 2019 will Hurtigruten mit der Kleven Werft den Vertrag über den Bau eines dritten Expeditionsschiffs abschließen, eine Absichtserklärung ("Letter of Intend") liegt bereits vor.

Schutz für die sensible Natur

"Diese Schiffe werden die Kreuzfahrtindustrie verändern", sagt Skjeldam. Aus seiner Sicht reiche es nicht, die mit umweltschädlichem Schweröl fahrenden Kreuzfahrtschiffe mit "Scrubbern" zur Abgasentschwefelung auszurüsten. Da Expeditionsschiffe auch in sensible Naturgebiete wie etwa in Spitzbergen, Grönland, Alaska und die Antarktis hineinfahren, plädiert Skjeldam für ein neues Denken: "Wir müssen dazu kommen, dass wir uns bei den Expeditionskreuzfahrten und den Anlandungen der Passagiere in die nahezu unberührte Natur dort lediglich als Gäste betrachten und uns dementsprechend verhalten."

Ohnehin will Hurtigruten unter den Kreuzfahrtreedereien mit ihren heute mehr als 300 Schiffen weltweit – das größte Schiff hat über 6000 Passagiere an Bord – beispielhaft bei Natur- und Umweltschutz sein. Daniel Skjeldam sagt: "Wir hoffen, das ein Umdenken einsetzt und uns weitere Reedereien folgen."

Umwelt-Unterricht für Passagiere

Die norwegische Reederei hat schon einige Schritte getan, um umweltverträglicher zu werden. Bereits seit Juli 2018 gibt es an Bord der Hurtigruten-Flotte keinen Einweg-Kunststoff mehr, etwa Plastikgeschirr, Trinkbecher und Beutel. Außerdem wird die gesamte Schiffsflotte ab 2019 vom althergebrachten Dieselantrieb Schritt für Schritt auf Antriebe mit Batteriepaketen und Gasmotoren umgerüstet. Flüssigerdgas (LNG) und flüssiges Biogas (LBG) sollen verwendet werden. Das LBG soll dabei sogar aus organischen Fischereiabfällen gewonnen werden.

Und vor jeder Anlandung werden die Kreuzfahrtpassagiere an Bord von Guides über die Tiere und Pflanzen in der nahezu unberührten Landschaft etwa der Antarktis unterrichtet. Hurtigruten-Expeditionsleiterin Karin Strand sagt dazu: "Wir appellieren an unsere Passagiere, die Natur zu respektieren." Überdies sollen die Hurtigrutenschiffe bei der Klima- und Meeresforschung in Arktis und Antarktis helfen. Strand kündigte an: "Wir arbeiten eng zusammen mit dem Polarforschungsinstitut in Tromsø und der Universität in Longyearbyen auf Spitzbergen. Wir nehmen für die Forscher entsprechende Wasserproben, machen Klimamessungen und untersuchen das Vorkommen von Mikroplastik in den polaren Gewässern."

Der Markt für Kreuzfahrten boomt

Hurtigruten entwickelt sich immer stärker zum weltweit größten Anbieter von Expeditions-Seereisen: 17 Schiffe sind in der Zukunft zu 250 Zielen in 30 Ländern unterwegs, an den Küsten von Europa, Nord-, Mittel- und Südamerika sowie in die Natur von Arktis und Antarktis. Das Mittelmeer, Afrika, der Orient, Asien und Ozeanien sind auf dem bereits für die Jahre 2020/2021 vorliegenden Routenplan nicht genannt.

Insgesamt boomt der Markt der Seereisen: 2017 unternahmen 2,2 Millionen Deutsche eine Kreuzfahrt. Für Hurtigruten ist Deutschland einer der wichtigsten Quellmärkte, deshalb wird Hamburg für Seereisen nach Norwegen entlang der Küste bis zum Nordkap ab 2020 mehrmals zum Ausgangshafen. Die für August 2019 geplante erste Durchquerung der Nordwestpassage mit der MS Roald Amundsen auf den Spuren des Polarforschers ist schon jetzt ausgebucht – 24 Tage soll das neue Expeditionsschiff von Kangerlussuaq auf Grönland nach Nome in Alaska unterwegs sein. Kosten der Reise: pro Person ab 19.968 Euro.

Ab 2021 verliert Hurtigruten dann allerdings das Monopol auf der legendären Postschiffroute an der norwegischen Küste zwischen Bergen und Kirkenes. Das norwegische Transportministerium hatte die Route für die Jahre 2021 bis 2030 neu ausgeschrieben. Mit der Reederei Havila AS aus Fosnavåg in Norwegen gibt es dann erstmals seit 1893 einen Wettbewerber: Havila will mit vier Schiffen – für jeweils 700 Passagiere – ebenfalls die 34 Häfen entlang der Küste ansteuern. Hurtigruten wird dann statt heute mit elf nur mit sieben Passagier-Frachtschiffen Tag für Tag im Linienverkehr an der 2700 Kilometer langen Westküste Norwegens unterwegs sein.

Neue Umweltregeln für die Fjorde

Die Orientierung von Hurtigruten in Richtung umweltfreundlicher Antriebe kommt zur richtigen Zeit. Ab 2026 gelten für Schiffe in den UNESCO Weltnaturerbe-Fjorden (Nærøyfjord, Aurlandsfjord, Geirangerfjord, Sunnylvsfjord und Tafjord) strenge Abgasregeln. Das Ziel sind dort Null-Emissionen. Kreuzfahrtschiffe mit giftigem, umweltschädlichem Schweröl werden diese beliebten Touristenfjorde nicht mehr befahren dürfen. Das betrifft vor allem den Geirangerfjord, den pro Jahr vor allem in den Sommermonaten bis zu 300.000 Kreuzfahrtpassagiere bereisen. Bis 2026 werden die Reedereien verpflichtet, ihre Schiffe mit der neuesten Umwelttechnik – etwa BNG, LNG oder Hybridantrieben – auszurüsten.

Auch auf der Inselgruppe Spitzbergen (Svalbard) sind strengere Umweltauflagen im Gespräch. Spitzbergens Hauptstadt Longyearbyen mit den etwas mehr als 2100 Einwohnern will die Hafengebühren für Kreuzfahrtschiffe verdoppeln. Die AECO (Association of Expedition Cruise Operators) hat gerade Mittel vom Umweltfonds Svalbard (Svalbard Miljøfond) bekommen, um zu untersuchen, ob dies die Anzahl der Kreuzfahrtpassagiere auf Svalbard beeinflussen wird.

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