E-Bikes: Einheitsbrei war gestern

E-Bikes: Einheitsbrei war gestern

Derby Cycle zeigte auf seiner Hausmesse in Cloppenburg seine Neuheiten der Fahrradsaison 2019. Die Erkenntnis: E-Bikes werden immer besser – und individueller.

E-Bikes | Von Arne Gottschalck |

Das Paintball-Center ist mit das Erste, was der Bahnreisende kurz vor Ankunft am Bahnhof in Cloppenburg zu sehen bekommt. Nach dem Verlassen des Bahnhofs dürften dem Besucher der niedersächsischen Kreisstadt die zahlreichen E-Bikes auffallen, die über die Straßen rollen. Die Erklärung dafür ist einfach: Cloppenburg ist Stammsitz von Derby Cycle.

Mit seinen Marken Kalkhoff, Focus, Raleigh, Univega und Rixe und einem Umsatz von über 300 Millionen Euro ist Derby Cycle aktuell der größte Fahrradproduzent in Deutschland. Eigentümer ist die Pon-Holding, ein sechs Milliarden Umsatz-Euro schweres Familienunternehmen aus den Niederlanden, das im 19. Jahrhundert mit Seife und Tabak handelte, später erst Opel-Fahrräder aus Deutschland importierte und Mitte des 20. Jahrhunderts dann mit dem Vertrieb von Baumaschinen der Marke Caterpillar und von Autos des Volkswagen-Konzerns groß wurde.

Das erklärt vielleicht auch, warum an diesem Tag vor der Zentrale von Derby Cycle ein Lamborghini Aventador parkt, gelb und schwarz und wuchtig – neben einem Rennrad von Cervélo in der gleichen Farbstellung. Das ultraleichte Zweirad für den Triathlon ist Frucht einer Kooperation von Derby Cycle mit dem zum VW-Konzern zählenden italienischen Sportwagenhersteller – und eines der spektakulären Exponate, mit denen der Bike-Bauer an diesem Tag seine Kunden zur Hausmesse "Ride On" in Cloppenburg willkommen heißt. Für die Erprobung der Räder wurden auch gleich neben der und rund um die Firmenzentrale Teststrecken angelegt: Mini-Pumptrack oder Straße, ganz nach Laune und Fahrradtyp.

Der Aufwand der "Ride On" zeigt, wie sich die Industrie verändert hat – und wohin die Reise geht: Weniger Schrauber, mehr Schick und Lifestyle. Es geht beim Thema Fahrrad künftig nicht mehr allein um technische Zahlen wie Q-Faktor, Gewicht oder Reichweite: Es geht auch um Begehrlichkeiten. Um das Habenwollen.

Das fängt schon bei der Präsentation der Fahrräder auf der Messe selbst an. Nicht mehr Lenker an Lenker, sondern in luftiger Lockerheit. Abgedunkelt, Spot auf die Räder. Ist es Zufall, dass beim Rundgang durch die Ausstellung so automatisch der Blick auf den filigranen Hinterbau eines Cervélo-Renners fällt? Oder auf den neuen Bike-Konfigurator, hier immerhin sechs Bildschirme groß?

Nur mit Gesten lässt sich damit im Fahrradladen das künftige E-Bike eines Kunden mit Komponenten seiner Wahl bestücken. Motor, Bremse, Farbe – ein Konfigurator, wie man ihn aus der Autoindustrie kennt. Es gibt ein Grundmodell, das individuell konfektioniert wird. Das gilt natürlich auch für die Optik: Schwarz war gestern, heute gibt es Mountainbikes in Rotmetallic, Rennräder in Orange. Aber natürlich nicht nur die: Wem etwa die gelb-schwarze Wespenoptik zu gewagt ist, wählt einen Rahmen in Grau oder Olivgrün.

Vollbart und Vollgas

Apropos Optik: Vor Ort waren auch die jungen Wilden von "Santa Cruz" mit ihren kalifornischen Mountainbikes. Präsentiert wurden die an einem Kettenkarussell hängend. Das Image radelt eben immer mit. Eine Präsentation der anderen Art erlebte der Gast auch in jenen Räumen, in denen unter strenger Aufsicht von Sicherheitspersonal und unter Fotografieren-Verboten-Schildern die Neuheiten des Modelljahrs 2019 gezeigt werden. "Wir haben die Messe weiter ausgebaut, so dass wir dieses Jahr das erste Mal alle Pon-Bike Marken (Gazelle, Santa Cruz, BBB und Cervélo) vor Ort hatten, um unseren Kunden zusammen mit den über 20 anwesenden Zulieferern das bestmögliche Angebot zu präsentieren", sagt Unternehmenssprecher Arne Sudhoff. Die Rechnung geht auf: "Wir hatten erstmals mehr als 5000 Gäste aus 17 Ländern zu Gast." Eine Teilnahme an der Eurobike kann man sich da natürlich sparen.

Spannende Innovationen von der Eurobike:

Was können Fahrradkäufer also im nächsten Jahr erwarten? Integration ist einer der Haupttrends, der sich schon im Juli auf der Fahrradmesse in Friedrichshafen abgezeichnet hatte: Den modernen E-Bikes sieht man nicht mehr sofort an, dass sie mit künstlichem Rückenwind fahren. Bei Focus ist das gewissermaßen Hauspolitik: Von jedem Bike gibt es inzwischen eine Variante mit E-Antrieb und eine ohne, also ein E-Bike und ein Bio-Bike.

Beim E-Bike fällt der Elektroantrieb kaum mehr ins Auge. Möglich macht die schlanke Optik die technologische Entwicklung: Immer leichtere und leistungsfähigere Motoren und immer sensiblere Sensorik, immer schlankere Batterien, die komplett oder zumindest teilweise im Rahmen verschwinden. Die Akzeptanz dürfte damit weiter steigen.

Am Anfang waren E-Bikes bekanntlich eher Nutzfahrzeuge für betagte Gelegenheitsradler: 25 Kilo schwer, Tiefeinsteiger, der Akku sichtbar unter dem Gepäckträger. Besonders sensibel sprachen die Antriebe der Räder auch nicht an. Aber immerhin verhalfen sie Menschen zu mehr Mobilität, die das Fahrrad sonst links liegen lassen würden.

Heute sind die Antriebseinheiten viel leistungsstärker. Und viel kleiner obendrein. So lassen sich einfacher im Rahmen verbergen. Und locken mit den Enkeln der ersten E-Bike-Generation eine ganz neue Klientel: Die sportlich orientierten Fahrer. Zuerst verlängerten elektrifizierte Mountainbikes die Fahrstrecke und den Spaß. Inzwischen gibt es sogar Rennräder mit elektrischem Hilfsmotor im Tretlager. Mit einem Motor, der ganz auf die Ansprüche des Rennradlers entwickelt wurde. Klein und leicht. Kein gewaltiger Puncher, sondern nur ein leichter Rückenwind. Rennradeln bleibt so Sport, endet aber nicht in Quälerei, wenn es mal zum Spaß den Mont Ventoux raufgehen sollte. 

Und so dürfte es weitergehen. Unter anderem, weil neue Motorenanbieter wie Fazua und ZF-Sachs auf den Markt kommen und die Platzhirsche wie Bosch, Yamaha oder Panasonic damit unter Druck setzen. Das bedeutet auch, dass das Angebot an E-Bikes weiterwachsen wird, dass schon bald weitere Fahrrad-Gattungen elektrifiziert werden dürften. Möglicherweise Randonneure, Bikes für die Langstrecke. Oder auch Tandems?

Aktuell erleben wir auch bei Zweirädern eine „SUVisierung“: Kalkhoff etwa zeigt mit dem Entice 5.B Tour ein Rad mit leichten Stollenreifen, schwarzen Schutzblechen und Licht. Kein Gefährt für schweres Gelände, aber mit reichlich Offroad-Charme. Ein Rad, das sowohl in der Stadt wie in Wald und Flur eine gute Figur macht und jede Menge Fahrtkomfort bietet. Nicht nur Derby Cycle hofft damit im kommenden Jahr punkten zu können.

Derweil rollte die Saison 2018 ihrem Ende entgegen. Die Preise der aktuellen Modelle fallen im Handel, während in Cloppenburg die Räder der kommenden Saison in die Produktion gehen. Rabatt-Jäger kommen also jetzt auf ihre Kosten, während sich Technologie-Jünger lieber gedulden sollten: Im Frühjahr kommt der nächste große Schritt in der Entwicklung des E-Bikes auf uns zu. Cloppenburg bleibt nicht nur für Paintball-Freunde weiter eine Reise wert.

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