Die Wiedergeburt des Gumpert Apollo

Die Wiedergeburt des Gumpert Apollo

Für Audi holte er Rallyesiege in Serie, sein Rennwagen Apollo faszinierte die Motorsportszene - dann machte Roland Gumpert Pleite. Jetzt ist er dank chinesischer Hilfe wieder mit einem Sportwagen da. Dessen Antriebstechnik hat Daimler frustriert aufgegeben: eine Brennstoffzelle mit Methanol als Energielieferant.

Elektroautos | Von Michael Blumenstein

Roland Gumpert scheint nimmermüde zu sein. Ende der 1960er-Jahre begann er seine Karriere bei Audi in Ingolstadt als Entwickler, Tester, Tüftler. Das Motorrad Z02 versuchte er vergeblich zu verwirklichen. Die Chefs bei Audi hatten kein Gespür für Zweiräder. Mehr Erfolg hatte Gumpert mit der Entwicklung des ersten zuschaltbaren Allradantriebs im Volkswagen-Konzern. Der tat im VW Iltis Dienst und wurde zum Erfolg. Bei Audi reifte die Technik zum Quattro und half unter anderem vier Rallye-Weltmeistertitel zu gewinnen – mit Gumpert als Rennleiter von Audi Sport. Die Erfolge im Motorsport halfen Audi ganz maßgeblich, das lange etwas biedere Image loszuwerden.

Ende der 80er-Jahre startete Gumpert in China und baute dort für Audi das Geschäft mit auf. 1999 brachte er es zum Vertriebs- und Marketingvorstand des VW-Audi Joint Venture in China. 2004 verließ der Diplomingenieur die Audi AG. Richtig bekannt machte ihn dann sein selbst entwickelter Apollo: ein grotesker, bis zu 850 PS starker Rennwagen. Jahrelang war der Apollo auf der Nordschleife des Nürburgrings das schnellste Fahrzeug mit Straßenzulassung. 2014 meldete Gumpert Insolvenz an. Doch trotz seiner damals 70 Lenze war Ruhestand nicht akzeptabel. Seine exzellenten Kontakte nach China versprachen Großes.

Aiways: Ein Start-up aus Shanghai mit 1000 Beschäftigten

Weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit gründete der heute 73-jährige die Gumpert Aiways Automobile GmbH. Aiways ist ein mittlerweile 1000 Mitarbeiter starkes Start-up in Shanghai - mit einem überschaubaren Ableger im Industriegebiet von Ingolstadt. Seine Partner sind keine Unbekannten in der Autobranche. CEO der 2017 gegründeten Firma ist Fu Qiang, der zuvor den Vertrieb von Volvo China leitete. Das Führungstrio komplettiert Gu Feng, ehemals Finanzchef von SAIC, der vergangenes Jahr größter chinesischer Fahrzeughersteller und weltweit die Nummer acht ist. Ein Vertriebler, Finanzer und Techniker zusammen - beste Voraussetzungen, um durchzustarten. Und das wollen die drei. Gumpert möchte den europäischen Markt mit dem Supersportler RG Nathalie ins Visier nehmen. Die Chinesen konzentrieren sich mit gleich acht Alltags-Modellen auf den Heimatmarkt. Das erste davon, ein SUV namens U5 Ion, hat jetzt auf der Peking Auto-Show Premiere.

Ein ganz anderes Kaliber ist der RG, was übrigens für Roland Gumpert steht. Und Nathalie ist auch wortwörtlich sein Kind – seine älteste Tochter. In Ingolstadt haben einige Journalisten RG Nathalie bereits vor der Weltpremiere in Peking zu sehen bekommen. Der Clou: alle Gumpert Aiways-Fahrzeuge werden mittels Brennstoffzelle mit Energie versorgt. Die bereits seit Jahren eingesetzte Technik kommt vom dänischen Unternehmen Serenergy. Die Dänen nutzen die Brennstoffzellen-Technik zur stationären Elektrizitätsversorgung. Gerade in unwirtlichen Regionen ohne Anschluss ans Stromnetz sind deren Methanol-betriebenen Brennstoffzellen Garant für Energie. Da sich die Lösung in modifizierter Variante auch für Autos anbietet, haben die Nordlichter bereits einige Fahrzeuge selbst umgerüstet.

Für jedes Rad ein Motor

"Wer kann schon seinen Akku problemlos zu Hause laden?", fragt Gumpert in die kleine Runde. "Denken Sie dabei nicht nur an unsere Regionen. In Bali oder Kuala Lumpur wollen immer mehr Menschen mobil sein. Strom aus der Steckdose gibt es dort nicht überall. Und genau da setzt unsere Lösung an." Gumpert Aiways hat zusammen mit Serenergy ein System entwickelt, das für das Automobil den idealen Kompromiss aus Platzbedarf, Gewicht, Tankinhalt und Leistung darstellen soll. Im ersten Schritt erhält Nathalie eine Brennstoffzelle mit zehn Kilowatt (kW) Leistung. In Kombination mit dem 60 Liter-Methanol-Tank soll das eine Reichweite von etwa 800 Kilometer bei behutsamer Fahrweise ergeben. Und einem CO2-Ausstoß von rund 30 Gramm pro Kilometer entsprechen.

Aber für behutsames Fahren ist Nathalie nicht (nur) gemacht: 300 Kilometer pro Stunde Spitzentempo, 2,5 Sekunden bis 100 km/h, 150 kW pro Motor und Rad – also gleich viermal. Perfektes Torque Vectoring, also das individuelle Anpassen des Drehmoments an allen Rädern, für sicheres und zugleich aktives Fahren inklusive. Varianten mit weniger Wumms sind machbar – gerade auch für die Aiways-Modelle. Das Gewicht beziffert Gumpert auf rund 1600 Kilogramm – was nur dank Gitterrohrrahmen und Karbon-Karosserie zu schaffen war. Denn die Brennstoffzelle mit allem Drumherum wie Reformer wiegt in etwa so viel wie der 400 Kilogramm schwere Akku, den die Entwickler T-förmig in der Fahrzeugmitte platziert haben. Das Gewicht deutet auf eine Speicherkapazität der Batterie von geschätzt 60 bis 70 Kilowattstunden hin.

Der Supersportler kostet wahrscheinlich rund 400.000 Euro

Das atemberaubend schlichte Design zeichnete Lorenz Löw, einer der Geschäftsführer der Designschmiede Ideenion in Gaimersheim bei Ingolstadt. Wie gut der Prototyp bereits gefertigt ist, merkt der Fahrer beim Einsteigen in den 4,31 Meter kompakten E-Renner. Feines Filz ziert das Armaturenbrett, viel Leder und Aluminium den Rest. Schalensitze passen sich schlanken Körpern an und unterstreichen den Anspruch des wohl gut 400.000 Euro teuren Supersportlers Made in Bavaria. Dort nämlich soll die Produktion starten. Ende 2018 soll der RG Nathalie bestellbar sein, Ende 2019 soll er ausgeliefert werden.

Unter den Kofferräumen in Bug und Heck verbergen sich eine Brennstoffzelle, Kraftstoff-Tank und Reformer. Der wandelt das Methanol-Wasser-Gemisch (60:40) in ein wasserstoffreiches Gas um, das durch die Brennstoffzelle in elektrische Energie und einfaches Wasser umgewandelt wird. Der Prozess findet bei noch recht zivilen 220 bis 300 Grad Celsius statt. Wenn es nach Gumpert und seinen alten Freunden geht, wird diese Lösung die E-Mobilität revolutionieren. Denn Methanol ist im Überfluss vorhanden und wird sogar bei der Herstellung von Benzin abgefackelt – schwarzes Methanol wird es genannt. Grünes Methanol wird teils CO2-neutral gewonnen – entweder mit Strom aus erneuerbaren Quellen oder aus Pflanzen. Das ist jedoch umstritten, weil sich dadurch Lebensmittel für ärmere Bevölkerungsschichten verteuern können. Die Vorteile von Methanol sind schnell aufgezählt: Es lässt sich in normalen Tanks lagern, steht nicht unter Druck (wie Wasserstoff), ist schwerer entzündbar als Diesel und kostet mit 50 Cent pro Liter weniger als alle anderen Kraftstoffe. Auf die Frage, warum bisher keiner diese Idee umgesetzt hat, grinst Gumpert und antwortet mit einer nicht zitierfähigen Aussage.

Nissan will 2020 mit einer Ethanol-Brennstoffzelle nachziehen

Noch kann sich Gumpert Aiways also als Pionier betrachten. Der Rest der Autobranche hat bisher allenfalls Prototypen mit der Methanol-Technik präsentiert. So hatte etwa Daimler schon 1997 mit dem Versuchsfahrzeug Necar3 gezeigt, dass Methanol eine Brennstoffzelle mit genügend Energie versorgen kann. Vor zwei Jahren hat immerhin Nissan angekündigt, 2020 eine ähnliche Version der Brennstoffzelle im Automobil anzubieten. Sie soll mit Ethanol arbeiten.

Vielleicht ist die Methanol-Brennstoffzelle die beste Art und Weise, um dem Thema E-Mobilität endgültig zum Durchbruch zu verhelfen. Mit Aiways wagt sich ein neuer Hersteller an die Technik, der bisher noch kein Auto auf der Straße hat. Allerdings sprechen das erfahrene Führungstrio und die dem Vernehmen nach üppigen Finanzmittel dafür, dass es klappen könnte. Immerhin hat ein Brennstoffzellen-System, das mit Methanol statt reinem Wasserstoff arbeitet einen klaren Vorteil: Eine Zapfsäule an einer normalen Tankstelle von Benzin oder Diesel auf Methanol umzurüsten, kostet kaum etwas. Jedenfalls im Vergleich zu einer Wasserstoff-Tanke, für die rund eine Million Euro an Investitionen fällig werden. Aktuell gibt es gerade 50 von ihnen in Deutschland.

Da es aber Methanol bisher noch nicht an jeder Ecke gibt, fährt Nathalie auch mit Strom aus der Schnellladesäule. Ein Anschluss für einen CCS-Stecker verbirgt sich unter dem linken Rücklicht. Allerdings warnt Gumpert, die Lebensdauer der Batterie könne durch das Schnellladen leiden. "Langsamen Laden ist Trumpf", sagt er. "Das schont die Batterie und verlängert das Leben."

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