Das Recycling-Haus an der Hafenkante

Das Recycling-Haus an der Hafenkante

Im Düsseldorfer Medienhafen entsteht ein Holzhybridhaus. Das nutzt möglichst viele recycelbare Materialien und hat ein eigenes Mobilitätskonzept.

Stadtplanung | Von Bernd F. Meier

Rund 70 Kilometer nach Westen fuhr Vanja Schneider - von Ratingen im Rheinland nach Venlo. Das Ziel des Geschäftsführers der Firma Interboden war das neue Rathaus der niederländischen Grenzstadt. Was der Baumanager dort sah, "hat mich nachhaltig beeindruckt": Ein grünes Rathaus, gebaut nach dem "Cradle-to-Cradle-Prinzip" (von der Wiege zur Wiege), zu großen Teilen aus wieder verwertbaren Baumaterialien.

"Wenn heutzutage ein konventionell errichtetes Gebäude abgerissen wird, landen mehr als 50 Prozent der Materialien auf dem Müll", rechnet der Bauexperte vor. Das gelte nicht allein für die Baumasse selbst, sondern auch für die Inneneinrichtung - vom Stromkabel bis zum simplen Bürostuhl.

Schneiders Besuch in Venlo war einer der Impulse, nach diesem Prinzip auch woanders ein neuartiges Bürohaus zu planen. Im schicken Medienhafen wird das erste Bürogebäude in Holzhybridbauweise in Düsseldorf entstehen, mit wieder verwertbaren Bauelementen. So lässt sich beispielsweise die auffällige Fassade mit der rautenförmigen Holzstruktur nach Gebrauch in ihre Bestandteile zerlegen. Die ungewöhnliche Struktur übernimmt sowohl Tragwerks- als auch Beschattungsfunktionen. Und im Innern sind Teppichböden aus Recyclingmaterial vorgesehen.

Bezugsfertig in drei Jahren

Der Baubeginn des fünfgeschossigen Gebäudes auf dem 1600 Quadratmeter großen Grundstück an der Speditionstrasse ist für den Spätsommer 2019 vorgesehen. Wenn alles glatt läuft, soll das Holzhybridhaus "The Cradle" nach 16 Monaten Bauzeit im Frühjahr 2021 bezugsfertig sein.

Eine Herausforderung ist die neuartige Bauweise für die Mitarbeiter des renommierten Architektenbüros HPP. "Wir leisten hier Entwicklungsarbeit und können dabei an herausragender Stelle in Düsseldorf einen Impuls setzen", sagt Gerhard Feldmeyer. Der geschäftsführende HPP-Gesellschafter sieht die Gelegenheit, innerhalb des Düsseldorfer Medienhafens ("eine Architekturausstellung") eine Ikone zu planen - so wie es HPP etwa mit dem Dreischeibenhaus und weiteren Objekten in der über 85-jährigen Unternehmensgeschichte immer wieder gelungen ist.

Die Hälfte des Abfalls entsteht in der Bauindustrie

Beton wird im Keller, im Erdgeschoss sowie zentralen Aufzugs- und Treppenbereichen eingesetzt, aus Holz - Fichte und Tanne aus Europa - werden das Tragwerk und die Decken sein. "Dieses Material wird den Klang und letztlich die Atmosphäre im Innern des Gebäudes bestimmen", so Feldmeyer. Gebäude wie dieses werde man in der Zukunft noch viel häufiger sehen. Es werde bei Bauplanungen einen Prozess des Umdenkens geben, der gerade erst langsam in Gang komme. Das Ziel: Recyclinggerecht zu planen und zu bauen, da Rohstoffe wie beispielsweise Sand für den Beton nicht mehr in unendlicher Menge verfügbar seien. "Einfach so weitermachen wie bisher - unmöglich!", sagt Feldmeyer.

Er nennt Zahlen von 2012 aus Großbritannien, die erschreckend sind: 50 Prozent des Abfalls entständen in der Bauindustrie, jährlich landeten 400.000 Tonnen Teppiche auf Deponien obwohl es bereits Hersteller gebe, die Teppiche nach ihrer Nutzungsdauer vollständig recyceln könnten und damit wieder zu 100 Prozent in den Materialkreislauf einbrächten. Zudem würden 800 Millionen Tonnen Holz weggeschmissen, obwohl 80 Prozent davon wiederverwertbar seien.

Ein Haus mit eigenem Mobilitätskonzept

"Die Verwendung ressourcenschonender Materialien ist der eine Aspekt, der andere ist das Mobilitätskonzept: Wir setzen darauf, dass die dort arbeitenden Beschäftigten die Straßenbahn - die Haltestelle ist vor der Tür - oder Carsharing, E-Autos und E-Bikes nutzen werden", so Schneider vom Investor Interboden. Ohnehin gehe die Nachfrage nach Stellplätzen bei Neubauprojekten in den Stadtzentren seit etwa fünf Jahren kontinuierlich zurück, haben die Projektentwickler von Interboden beobachtet.

Die 5000 Quadratmeter große Bürofläche wird 200 bis 300 Beschäftigte aufnehmen können. Für sie gibt es in der hauseigenen Tiefgarage 56 Autostellplätze, von denen alleine 18 für Carsharing-Fahrzeuge reserviert sind. Bleiben noch 38 Stellplätze, davon soll wiederum die Hälfte mit Ladesäulen für E-Autos ausgestattet werden. Für E-Bikes sind ebenfalls entsprechende Ladestationen vorgesehen.

Hausmeisterservice für elektrische Autos und Fahrräder

Damit nicht genug: Im Empfangsbereich wird eine Servicestelle für E-Bikes und E-Autos entstehen - Hausmeisterservice innovativ. Und die Buchung von E-Autos und E-Bikes nehmen die Beschäftigten ohnehin über die vor sechs Jahren von Interboden selbst entwickelte App "Animus" auf ihrem Smartphone vor.

Auf Alternativen zum Auto zu setzen scheint gerade im schicken Quartier des Düsseldorfer Medienhafens dringend geboten: 16.000 Beschäftigte arbeiten heute bereits dort, weitere 3200 werden hinzukommen, wenn die Unternehmen Trivago und Uniper ihre Neubauten bezogen haben. Bereits heute herrscht Chaos bei der morgendlichen Anfahrt mit dem Auto und zum Büroschluss am Nachmittag in dem verdichteten Quartier - bis zu 30 Minuten kann die An- und Abfahrtszeit im automobilen Individualverkehr im Stau schon mal verschlingen. Stop and Go mit Abgaswolken auf den letzten paar hundert Metern bis zu den Tiefgaragen und Parkplätzen.

Ungewöhnliche Bauweise sorgt für höhere Miete

Über die Gesamtkosten des Bauprojekts mögen die Entwickler nicht sprechen. Sicher ist allerdings, dass sich die innovative Bauweise des ersten Düsseldorfer Holzhybridhauses auch in einem höheren Preis niederschlagen wird. "20 Prozent teurer als bei konventioneller Bauweise", schätzt Schneider. Das wiederum werde sich auf den Mietpreis auswirken.

Inzwischen ist das Cradle-Haus mit der ersten Auszeichnung dekoriert worden. Auf der Immobilienmesse MIPIM in Cannes wurde das Projekt von der Fachzeitschrift Architectural Review mit dem international renommierten "Future Project Award" in der Kategorie Office ausgezeichnet.

Noch ist kein potenzieller Mieter in Aussicht, doch Vanja Schneider ist zuversichtlich: "Wir werden ein Unternehmen finden, für das unser zukunftsweisendes Baukonzept zum Brandimage zählt: Nach außen für die Kundenbeziehungen und ebenso nach innen für die dort Beschäftigten."

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