Audi: Der A2 kehrt zurück

Audi: Der A2 kehrt zurück

Auf der Autoshow in Shanghai zeigt Audi, wie die Mobilität in den Megacities stilvoll gestaltet werden könnte: mit intelligenten, vollelektrischen Autos für Privatbesitzer und exklusive Fahrgemeinschaften. Wir haben schon mal Probe gesessen.

Autonomes Fahren | Von Franz W. Rother |

Gelegentlich sieht man sie noch im Straßenbild, in Silber oder einer knalligen, zweifarbigen Lackierung, die damals unter der Bezeichnung "Colourstorm" angeboten wurde. Die Autos haben mittlerweile fast 20 Jahre auf dem Buckel, sehen aber immer noch kein bisschen alt aus. Die Rede ist vom Audi A2, der zwischen 1999 und 2005 in Neckarsulm produziert wurde. Der kleine, dank Alu-Karosserie nur 900 Kilo schwere Mini-Van war zwar kein Herzensbrecher und auch kein Bestseller - produziert wurden von dem Typ insgesamt nur rund 176.000 Exemplare.

Aber er war dank der Alu-Karosse ein Meilenstein in der Konzerngeschichte. Und heute ist der A2 fast schon ein Kultobjekt, das hoch gehandelt wird. Konzeptionell und technologisch war das Auto seiner Zeit weit voraus: Eine dieselgetriebene und verbrauchsoptimierte Variante kam mit knapp drei Litern Sprit 100 Kilometer weit. Über einen Nachfolger mit Hybridantrieb oder Elektromotor wurde immer mal wieder geschrieben, 2011 präsentierte Audi auf der IAA ein elektrogetriebenes A2 Show-Car, das angeblich 2015 oder 2016 in Serie gehen sollte.

Doch auf den Markt kam der Kleinwagen nie. Erst rechnete sich der Bau nicht, dann fegte der Dieselskandal auch bei Audi die Projektverantwortlichen hinweg.

Empathisches Auto

Doch nun unternehmen die Bayern einen neuen Anlauf, um ihren Markenclaim "Vorsprung durch Technik" mit neuem Leben zu erfüllen: auf der Autoshow in Shanghai präsentierte Audi mit dem Showcar AI:ME ein wunderschön anzusehendes Citymobil, das die Gene des seligen A2 in sich trägt, aber nicht nur die Linienführung von damals in die Zukunft verlängert. Statt eines Dieselmotors werkelt an der Hinterachse ein emissionsfreier, permanent erregter Synchronmotor mit 125 Kilowatt Leistung.

Noch weiter in die Zukunft weisen die zahlreichen Assistenzsysteme, die ein autonomes Fahren immerhin auf Stufe 4 ermöglichen und den Insassen mit Künstlicher Intelligenz gewissermaßen die Wünsche von den Lippenablesen. Wohin die Fahrt geht, wann man am Ziel sein möchte und welche Termine dort anstehen - das Auto weiß das alles angeblich schon, noch ehe sich die Türen zum geräumigen wie elegant möblierten Innenraum öffnen.

"Die Audi AI-Systeme agieren lernfähig und mitdenkend, proaktiv und individuell", verfügen sogar über Einfühlungsvermögen, verspricht der Hersteller. Per Eyetracking nimmt es jede Bewegung wahr, meine Gesten weiß es zu lesen und meiner Stimme versteht es zu lauschen - und meine Botschaften dank der KI des Bordcomputers blitzschnell zu interpretieren. Ein empathisches, hochintelligentes Auto - will man so etwas?

Lear-Jet für die Straße

Chefdesigner Marc Lichte hat in der rollenden Business Lounge bereits Platz genommen, als wir uns einige Wochen vor dem Messetermin in Shanghai am Rande von Ingolstadt in einem hermetisch abgeriegelten Fotostudio zu einem "Sneak Preview" treffen. Monatelang hat er zusammen mit seinem Team an dem Auto gearbeitet - nun kann er den "Lear-Jet für die Straße" erstmals der Öffentlichkeit präsentieren.

Lichte überlässt mir im Viersitzer den Fahrerplatz, auf dem ich mich erst einmal zurechtfinden muss. Ein Lenkrad ist nicht zu sehen, die Fahrpedale sind in den Boden eingelassen. Fahren? Vor mir ragt ein Holzbrett auf, das wie ich erfahre, aus offenporigem Walnussholz besteht. Hübsch anzusehen - oder wozu gut? Um den Laptop abzulegen, einen Teller oder Becher zu platzieren. Der Clou: Das Holz ist magnetisiert, Becher oder Teller mit Metallfuß lassen sich hier leicht fixieren. So lässt sich während der Fahrt entspannt speisen.

Das Lenken übernimmt "AI:ME". Und wenn ich selbst fahren will? Kein Problem, erklärt mir Lichte - und drückt einen Knopf, das das Holzbrett in einer wunderbar eleganten Choreographie zurückfahren und ein Lenkrad darunter hervorkommen lässt. Großes Theater. Hinten auf der Rücksitzbank kommt man sich hingegen wie in einer Gartenlaube vor, unterm Panoramadach in einer Art Pergola, von der Efeuzweige herabbaumeln. Die echten Pflanzen (Wer gießt die eigentlich?) sollen dem gestressten Großstädter nicht nur zu einem Gefühl der Naturnähe verhelfen, sondern darüber hinaus auch die Luftqualität im Innenraum verbessern. "Hygge" und "Gartenlust" fusionieren hier gewissermaßen.

Als Vertreter von EDISON interessiert mich aber mehr das Antriebs- und Mobilitätskonzept: Welche Rolle kann ein solches Fahrzeug in der neuen Ära spielen, in der man nicht nur elektrisch und autonom fährt, sondern das Transportmittel möglicherweise auch mit mehreren Menschen teilt? Der A2 war noch ganz auf den Individualverkehr zugeschnitten - der AI:ME, den man sich auch gut als A2 e-tron vorstellen könnte (dazu später mehr) soll ein Kind von Shared Mobility sein. Herbeigerufen wird es per App, die Lichter in der Front und an den Seiten werden den Verkehrsteilnehmern ähnlich wie bei den Taxischildern heute davon künden, ob das Fahrzeug noch verfügbar ist.

Um das Auto nicht zu schnell zu verschleißen und den Innenraum nicht zu schnell zu verdrecken, würde es als "Erlebnis-Mobil" natürlich nur einem exklusiven Nutzerkreis gegen eine entsprechend hohe Miete zur Verfügung stehen. Auf das Niveau von Car2Go oder Flinkster mag man sich bei Audi jedenfalls nicht hinabbegeben. Dafür bräuchte es andere Stadtfahrzeuge.

Zeit für ein neues City-Mobil

Apropos Fahrzeuge: Bis zum autonomen Fahren Level 4 wird es zumindest in der Stadt noch eine Weile dauern - zu komplex sind die Verkehrssituationen in der Stadt, um ohne intelligente Ampeln und Sensoren in der Fahrbahn durch die Häuserschluchten etwa von Shanghai rollen zu können.

Aber das Auto sieht immerhin so aus, als könnte es schon morgen in Serie gehen. Auch ohne Pergola und Efeuranken würde es sich, jede Wette, deutlich besser verkaufen als der Audi A2 von einst oder auch ein BMW i3, der mit einem ähnlichen Konzept sich gegenläufig öffnender Türen daher kommt. Also, Marc, wann kommt das Auto auf die Straße? Der Modulare Elektrifizierungs-Baukasten (MEB) des Volkswagen-Konzerns sollte genügend Komponenten hergeben, um das 4,30 Meter lange Citymobil ordentlich voranzutreiben.

Dem Designchef tut die Frage gut, auch das Lob für die pfiffige Idee, die Fensterlinie auf Schulterhöhe so nach außen zu knicken, dass sich ein wunderbar großzügiges Raumgefühl einstellt. "Das hier ist eine Vision, die sicher nicht morgen gebaut wird", windet er sich ein wenig in seiner Antwort auf die naheliegende Frage. Man greife die Historie des A2 unter anderem auch in der Gestaltung des Hecks auf, spiele an vielen Stellen mit Zitaten und schreibe das Konzept fort - aber bislang ohne jeden Bezug zur Serienproduktion. Warum eigentlich nicht? "Das müssen Sie den Vorstand fragen".

Was hiermit geschieht: Bram Schot, wie schnell kann Audi den AI:ME in abgespeckter Form als A2 e-tron auf die Straße bringen? Geben Sie sich einen Ruck!

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