So wird die Schwerindustrie klimaneutral

So wird die Schwerindustrie klimaneutral

Schwerindustrie und -transport gehören zu den größten Klimakillern. Mit den richtigen Technologien könnten sie bis Mitte des Jahrhunderts CO2-neutral sein, zeigt ein Bericht. Andere sind weniger optimistisch.

Klima | Von Tobias Finger |

Weniger als ein halbes Prozent des globalen BIP für eine CO2-neutrale Schwerindustrie und den Schwertransport gleich mit? Gekauft! Das ist ja quasi ein Schnäppchen, wenn man sich die Emissionen der Branchen ansieht.

Schwerindustrie und -transport machen aktuell rund 30 Prozent des emittierten CO2 in Energie und Industrie aus. Doch bis Mitte des 21. Jahrhunderts könnten die beiden Wirtschaftssektoren dekarbonisiert sein, stellte die Energy Transitions Commission (ETC) Ende 2018 in Aussicht. In ihrem Bericht "Mission Possible: CO2-Neutralität in schwer-zu-dekarbonisierenden Sektoren erreichen" legt die Experten-Kommission dar, wie die emissionsbelasteten Wirtschaftszweige ihren Netto-CO2-Ausstoß auf null drosseln können - bis spätestens 2060, in Industrieländern sogar etwas früher.

Während Schwerindustrie die Branchen Zement, Stahl und Kunststoffe beinhaltet, sind im Schwertransport Schwerlast-, See- und Lufttransport zusammengefasst. Gemeinsam stoßen sie jährlich zehn Gigatonnen CO2 aus. Diese unvorstellbar große Menge einzusparen und das in wenigen Jahrzehnten, scheint erstmal absurd. Doch es ist, wie der Titel des Reports nahelegt, nicht unmöglich.

Laut ETC bräuchte es dafür noch nicht einmal revolutionäre neue Konzepte. Die notwendigen Innovationen existierten bereits, so die Forscher. Sie müssten nur teilweise noch Marktreife erreichen. Der zweite Schlüssel zur CO2-Neutralität liegt wie so oft in der Finanzierung: Weniger als 0,5 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts in 2050 wären nötig. Legt man das BIP von 2018 zugrunde, wären das zwar immerhin rund 440 Milliarden US-Dollar. Doch die sollte das 1,5-Grad-Ziel, dem sich auch die ETC verschrieben hat, wohl mindestens wert sein.

Bill Gates investiert in CO2-Beton

Drei zentrale Wege skizziert der Report zur Emissionsreduktion: eine Reduzierung der Nachfrage, verbesserte Energieeffizienz und die Implementierung von Dekarbonisierungstechnologien. Während die geringere Nachfrage durch Recycling, Verkehrsverlagerung und verbesserte logistische Abläufe erreicht werden soll, sind besonders die Technologien zur Dekarbonisierung interessant. Und es tut sich etwas in den betreffenden Sektoren.

Da ist beispielsweise die Zementindustrie, die je nach Berechnung zwischen fünf und acht Prozent der jährlichen Emissionen ausmacht. Das Unternehmen CarbonCure etwa recycelt ausgestoßenes CO2, indem es das Gas in die Betonproduktion einspeist, bei der Zement zusammen mit Wasser die Hauptmaterialien stellt. Die Technologie hat die Aufmerksamkeit von Bill Gates auf sich gezogen. Noch abenteuerlicher klingen die Forscher aus Kuwait, die die CO2-Bilanz mit Vulkanasche aufbessern wollen.

Auch an der University of California in Los Angeles wird an innovativen Lösungen für das Zementproblem geforscht - mit Erfolg. Eine Gruppe von Forschern um Gaurav Sant hat dort das CO2, das bei der Zugabe von Kalk beim Herstellungsprozess frei wird, aufgefangen und mit Calciumhydroxid versetzt. Dabei entsteht ähnlich dem natürlichen Prozess: Kalk! Der kann dann wiederum für neuen Zement verwendet werden, wodurch ein Kreislauf entsteht. Tatsächlich könnte Zement auf lange Sicht sogar CO2-negativ werden. Der Baustoff filtert nämlich, wenn auch sehr langsam, kontinuierlich Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre.

CO2 und Biomasse ersetzen Rohöl im Kunststoff

Auch in der Kunststoffproduktion wird CO2 vom Abfallprodukt zum Rohmaterial. Das Unternehmen Covestro zum Beispiel spart bis zu einem Fünftel des ursprünglich für die Schaumstoffherstellung benötigten Rohöls ein, indem es den benötigten Kohlenstoff stattdessen aus dem Treibhausgas zieht.

Ein weiterer Aspekt der Emissionsreduzierung in diesem Industriezweig ist der Einsatz von Biomasse statt Erdöl. In Bochum haben Wissenschaftler einen Katalysator entwickelt, der ein Biomasseprodukt in Furandicarbonsäure umsetzt. Die wiederum kann für die Herstellung von PEF, einer Alternative zum weitverbreiteten PET aus Rohöl, genutzt werden. Mit dem Nickelboridkatalysator aus Bochum wird gleichzeitig Wasserstoff synthetisiert, dessen Einsatz als Energieträger auch das ETC betont: Der Verbrauch von Wasserstoff werde "nahezu sicher dramatisch ansteigen".

Fraunhofer-Institut weniger optimistisch

Dafür mit verantwortlich sind potenzielle Umstellungen im Schwertransportsektor. In der kanadischen Provinz Alberta etwa wurde kürzlich der Grundstein für ein elf Millionen US-Dollar teures Pilotprojekt gelegt, in dem das Potenzial von Wasserstoff-LKW im Straßentransport getestet werden soll. Die Sattelzüge sollen eine Reichweite von 700 Kilometern mit einer einzigen Tankfüllung erreichen. Auch Hersteller wie Toyota, Hyundai und Nikola arbeiten an Wasserstoff-Trucks.

Auch im Seetransport gibt es erste Modelle für Frachter und Fähren mit Wasserstoffantrieb. In Kalifornien wiederum möchte das California Air Resources Board, verantwortlich für die Verbesserung der Luftqualität und passend abgekürzt als "CARB", eine verpflichtende Quote für den Absatz von E-LKW mit Batterien oder jene mit Wasserstoffantrieb einführen. Die EU legte den Herstellern von LKW und Bussen Anfang des Jahres immerhin Klimaschutzvorgaben auf.

Überhaupt sieht der ETC-Bericht neben der Industrie auch die Politik in der Pflicht. Gleiches gilt für eine Studie des Fraunhofer-Instituts für System und Innovationsforschung (ISI) im Auftrag der EU-Kommission, die Anfang des Jahres vorgelegt wurde. Darin heißt es, "den Industriesektor bis Mitte des Jahrhunderts nahe zur CO2-Neutralität zu transformieren" sei zwar möglich, "aber es bedarf auch eines fundamentalen Wechsels in der Rahmengesetzgebung und Regulierung".

Das ISI ist insgesamt etwas weniger optimistisch, was die Dekarbonisierung der Schwerindustrie angeht. Insbesondere müssten die entsprechenden Technologien im nächsten Jahrzehnt Marktreife erreichen. Um dazu beizutragen, plant die EU-Kommission einen Innovationsfonds. Der soll ab 2021 Teil des EU-weiten Emissionshandelssystems werden. Einnahmen aus dem Handel sollen durch den Fonds in die Entwicklung von CO2-armen Technologieinnovationen fließen, bis zu zehn Milliarden Euro hat die Kommission vorgesehen.

Artikel teilen

Kommentare

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...