Seat-Chef de Meo: Wir wollen Biogas-Vorreiter sein

Seat-Chef de Meo: Wir wollen Biogas-Vorreiter sein

Seat entwickelt sich unter CEO Luca de Meo nicht nur prächtig, sondern hat auch seine Nische im VW-Konzern gefunden: Biogas als günstiger und sauberer Treibstoff. Im Interview mit EDISON erklärt de Meo, warum Seat im nächsten Schritt den Mode-Konzernen Zara und Benetton ähnlicher werden muss.

Unternehmen | Von Stefanie Müller |

Seat hat sich verändert. Die Spanier schreiben seit 2015 Gewinn und das hat auch die Stimmung am Stammsitz im katalonischen Martorell enorm verändert. Mit Geld in der Tasche können die Seat-Leute unter der Führung des charismatischen Italieners Luca de Meo nicht nur Autos, sondern inzwischen auch wieder Träume produzieren. De Meo (50), der seit 2015 das operative Geschäft von Seat leitet, erzählt uns in seinem Büro in Barcelona, wie er in den kommenden Jahren die digitale Mobilität in den Städten beeinflussen will und warum dafür Barcelona so wichtig ist.

Wie wird der neue Elektro-Seat aussehen?

Auf jeden Fall wird er weniger Teile haben als ein Verbrenner-Auto und wir können das Fahrzeug in 10 statt in 20 Stunden herstellen. Viel mehr wollen wir nicht verraten. Und mit dem E-Racer, dem Rennauto für die Rundstrecke fangen wir ja schon Ende dieses Jahres mit dem Verkauf an Endkunden an, die bei der Tourenwagen-Rennserie E-TCR mitfahren.

Setzt Seat wirklich auf Elektroautos oder will man nur in sein?

Wir werden nicht nur auf Elektromobilität setzen. Wir sind eine Marke, die sich an die jüngere Käuferschicht richtet mit einer durchschnittlichen Kaufkraft. Da können wir nicht Autos anbieten, die derzeit noch sehr teuer sind. Wir glauben, dass Erdgas in Form von CNG (Compressed Natural Gas) für unsere Kunden die bessere Lösung ist. Wir setzen aber jetzt schon auf Plug-in Hybrid-Lösungen, die günstiger sind. Ein richtiges 100-prozentiges Elektroauto ist komplett anders aufgebaut und deswegen auch noch wesentlich teurer als ein Standardauto.

Volkswagen treibt das Thema Erdgas ziemlich voran. Wie wird sich Seat einbringen?

Wir wollen die Referenz für diese Art von Brennstoff sein. Erdgas ist sauber und wir setzen hier vor allem auf Biogas, mit dem schon verschiedene Test-Projekte laufen. Den Seat Mii, Ibiza, Leon und Leon ST gibt es schon als Erdgas-Variante. Unsere Erdgasfahrzeuge sind komplett andere Autos. Wir achten dabei sehr auf Sicherheit. Seat-Händler werden deswegen nicht in die Umrüstung einsteigen wie das andere Wettbewerber machen.

Welches Erdgas-Auto verkauft sich am besten?

Der Seat Leon TGI ist das bestverkaufte Erdgas-Auto in Deutschland. Wir fahren hier bisher mit einem größeren Benzintank, aber dass soll sich bis zum Ende dieses Jahres ändern. Der Gastank soll überwiegen. Des Weiteren werden wir Ende 2018 auch den neuen Seat Arona als TGI im Programm haben.

Fehlen für Erdgas-Autos nicht auch noch die Tankstellen?

Auf jeden Fall. In Deutschland ist die Infrastruktur etwas besser. Wir wollen hier in Spanien noch Lobbying bei der Regierung in Madrid betreiben, damit mehr Gas-Tankstellen eröffnet werden. Spanien ist noch am Anfang. Alle 150 Kilometer sollte es eine Nachtank-Möglichkeit geben, derzeit gibt es aber nur 50 im ganzen Land. Wir glauben, dass landesweit 300 Tankstellen notwendig sind, um die Technologie wirklich voranzubringen.

In Spanien werden wir daher direkt in den Vertrieb von Erdgas einsteigen. Wir haben hier mit dem Unternehmen Gas Natural Fenosa einen starken Partner, mit dem wir auch eigene Self-Service-Erdgastankstellen in der Nähe unserer Händler eröffnen wollen. Ziel ist 100 Erdgastankstellen bis Ende 2018. Seat Autohäuser sollen sie betreiben.

Wo wird Ihr Erdgas-Kompetenzzentrum angesiedelt sein?

Hier in Martorell. Es wird unsere Kernkompetenz werden. Innerhalb des Volkswagen-Konzerns wird Seat der Technologieführer bei CNG-Fahrzeugen.

Wo testen Sie mit Biogas?

Wir haben ein Projekt zusammen mit dem drittgrößten Wasserwirtschaftsunternehmen der Welt: Aqualia. Wir kooperieren beim Vorhaben Smart Green Gas in Südspanien. Wir gewinnen dort Biogas aus Abwasser. Getestet wird derzeit mit dem Leon TGI, der schon eine Reichweite von 1200 Kilometer hat.

Ein Blick in die Fabrik: In wieweit hat Seat die Auto-Produktion umgestellt?

Wir fertigen mittlerweile weitgehend auf Bestellung. Und nicht nur das. Wir wollen mittelfristig auch mindestens in zwei Wochen liefern können, derzeit sind es noch drei Wochen. Wir arbeiten in verschiedenen Pilotprojekten, auch hier in Spanien, um das bald zu erreichen. Die Logistik wird immer bedeutender werden in der Automobilindustrie, aber auch die Kreativität.

Will Seat wie die Modekette Zara werden, mit ihren schnell wechselnden Kollektionen?

Das ist eine gute Schlagzeile. Ja, das wäre nicht schlecht. Logistik ist auch in der Autoindustrie alles, genauso wie Design. Die Kleidermarke Benetton ist ohne Zweifel ebenfalls eine gute Referenz für uns, wie sie das Unternehmen vor vielen Jahren logistisch und kreativ umgestellt haben. Obwohl wir hier von Mode reden, ist das Erfolgsrezept die Schnelligkeit und das Design. Diese Veränderungen in der Textilindustrie sind auf jeden Fall auch interessant für uns, da die Reduzierung der Lagerbestände für alle sehr wichtig ist.

Wie passt das alles in die Smart-City-Konzepte, die derzeit so angesagt sind?

Die Verbindung zwischen alledem ist die Technologie. Autos dienen der Fortbewegung und die findet natürlich auch in Städten statt. Wir haben den Vorteil in Barcelona zu sein. Die Stadt ist eine absolute Referenz im Bereich der Smart Technologies. Das liegt auch daran, dass hier wichtige Tech-Kongresse stattfinden wie zum Beispiel der "World Mobile Congress".

Es gibt bereits eine gut ausgebaute technische Infrastruktur und auch das Personal, das in diesem Bereich arbeiten kann. Barcelona wird zum Kernzentrum von Seat werden, zu einem Pilotprojekt. Wir haben hier bereits unseren elektrischen Mii mit einer Share-App und wir haben das Carsharing Unternehmen Respiro gekauft. Mit der Firma entwickeln wir derzeit neue Wege der Mobilität, auch für andere Städte.

Wie bedeutsam ist die Blockchain in diesem Zusammenhang?

Das Internet der Dinge und die Blockchain sind essenziell für die Smart City Konzepte. Wir sind in den spanischen Konsortien vertreten, die sich bereits seit langem mit den Technologien beschäftigen: gemeinsam mit Telefónica, den Banken und so weiter. Barcelona Tech City ist etwas, wo diese Technologien vorangetrieben werden und wir aktiv sind. Es wurde dort im Zentrum der Stadt eine Struktur geschaffen, wo wir alle miteinander kommunizieren und voneinander profitieren. Mit großem Interesse verfolgen wir auch die Blockchain-Plattform Alastria, auf der Telefónica jetzt schon Unternehmensanleihen ausgegeben hat. Das ist fantastisch.

Geben Sie es zu: Auch Sie wollen smart werden, richtig?

Ja, warum nicht. Aber das Wort smart ist schon sehr abgegriffen. Aber ja, wir wollen ein Pionier sein in Technologien, bei denen wir noch nicht präsent sind, die auch nicht primär in die Automobilindustrie passen. Wir beschäftigen uns damit immer mehr. Auch ein Grund, warum wir mit Amazon eine Partnerschaft abgeschlossen haben und intelligente Spracherkennungssysteme wie Alexa in unsere Autos integrieren. Wir stehen ganz am Anfang, aber die Veränderungen in den kommenden Jahren werden enorm sein und Seat will eine gute Startposition haben.

Haben Sie deswegen auch das Metropolis Lab innerhalb der Barcelona Tech City geschaffen - trotz der Unsicherheit durch die Unabhängigkeitsbewegung in Katalonien?

Ja, wir wollen dort im Zentrum einer so internationalen Stadt wie Barcelona herum probieren und testen, wie sich Mobilität in der Stadt verändern wird und wie wir teilhaben können an diesem Prozess.


Jetzt, wo Seat in der Gewinnzone ist, wird das Unternehmen in der Zukunft auch Tech-Unternehmen kaufen?

Ja, wir denken darüber nach. Wir haben im Unternehmen eine eigene Abteilung, die sich umschaut und wir sind mit Barcelona Tech City natürlich auch nah dran an diesen Start-ups. Wir werden auf jeden Fall in diesem Bereich der smart technologies wachsen.

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