Mobileye und Co: Smarte Fahrhilfen machen Abbiegen sicherer

Mobileye und Co: Smarte Fahrhilfen machen Abbiegen sicherer

Fahrerassistenzsysteme wie das von Mobileye können die Zahl der Unfälle reduzieren. Trotzdem kommt gerade die Nachrüstung von älteren Fahrzeugen nur langsam voran.

Autonomes Fahren | Von Robyn Schmidt |

Menschen machen Fehler. Das zeigt sich auch im Straßenverkehr: Mehr als 93 Prozent aller Unfälle sind durch menschliches Fehlverhalten verursacht. Hauptgrund sind Ablenkungen und Unaufmerksamkeit. "Gegen menschliche Fehler gibt es kein Heilmittel – nur Technologie", sagt Gil Ayalon.

Ayalon arbeitet deshalb genau an jener Technologie. Er ist Direktor der Aftermarket Division für den europäischen Wirtschaftsraum bei Mobileye. Mobileye entwickelt smarte Fahrerassistenz- und Unfallpräventionssysteme für Pkw und große Nutzfahrzeuge. Vergangenes Jahr hat Intel das Unternehmen aus Israel für über 15 Milliarden US-Dollar gekauft. Gerade präsentierte es seine Technik auf der IAA Nutzfahrzeuge-Ausstellung in Hannover.

Mobileye hat zwei unterschiedliche Lösungen entwickelt: ein allgemeines Assistenzsystem unter anderem mit Abstandsüberwachung, Kollisions- und Spurhaltewarnung. Und einen Abbiegeassistenten für Busse und Lkw. Diese sind vor allem für die Nachrüstung von Fahrzeugen ohne Assistenzsysteme gemacht.

"Drittes Auge" warnt Fahrer

Gerade in Städten geraten immer wieder Fahrradfahrer und Fußgängerin den toten Winkel von abbiegenden großen Nutzfahrzeugen, wo der Fahrer sie nicht sehen kann, und werden vom Fahrzeug erfasst. "Diese Unfälle sind zwar verhältnismäßig selten, wir sprechen hier von rund 30 Getöteten pro Jahr in Deutschland", sagt Clemens Klinke, Vorstand bei der Prüforganisation Dekra. "Allerdings haben diese Unfälle eben fast immer besonders schlimme Folgen."

Dabei seien diese oft auch gar nicht mal die Schuld der Fahrer, so Gil Ayalon. "Es ist in manchen Situationen einfach unmöglich für sie, die anderen Verkehrsteilnehmer zu sehen." Mobileye setzt deshalb auf ein "drittes Auge". Optische Sensoren außen am Fahrzeug geben dem Fahrer akustisch und visuell ein Signal wenn sich jemand im toten Winkel befindet. Mobileye wertet die erfassten Szenen in Echtzeit aus und entscheidet, ob ein Handeln notwendig ist. "Das System warnt den Fahrer und gibt ihm die entscheidenden Sekunden, um einen Unfall zu vermeiden oder zumindest abzuschwächen", sagt Ayalon.

Durch eine besondere Bilderkennungssoftware werden Fehlalarme beispielsweise wegen Hydranten und Straßenlaternen vermieden. Diese könnten Fahrer sonst im Laufe der Zeit desensibilisieren.

Bis zu 30 Prozent weniger Unfälle

Mobileye begann bereits 1999 mit der Entwicklung des Systems. "Wir haben also fast zwanzig Jahre Erfahrung auf dem Gebiet", so Ayalon. Das gebe ihnen Vorteile gegenüber anderen Entwicklern. "Erfahrung zählt viel."

Weltweit kommt Mobileye bereits in über 250 Modellen von mehr als 20 Herstellern zum Einsatz. Nach eigenen Angaben reduziert das System in Fahrzeugflotten die Unfallkosten pro gefahrener Meile um 37 Prozent und Unfälle durch Verlassen der Fahrspur um 43 Prozent. Laut der Beratungfirma Boston Consulting Group könnten bis zu 30 Prozent aller Unfälle durch Assistenzsysteme verhindert werden. Noch ein angenehmer Nebeneffekt: Das insgesamt resultierende verbesserte Fahrverhalten reduziert den Kraftstoffverbrauch um bis zu 15 Prozent.

Mobileye arbeitet außerdem mit Städten und Kommunen zusammen: Stimmen Flottenbetreiber und Fahrer zu, dann kann das System anonymisiert die Daten sammeln und so Unfall-Hotspots ermitteln. "Dann können wir Städten zeigen, wo sich Gefahrenzonen befinden und eventuell Infrastrukturänderungen nötig sind."

Verpflichtende Regelungen zur Nachrüstung fehlen bisher

Trotz der Vorteile sind Fahr- und Abbiegesystem bisher in relativ wenigen Nutzfahrzeugen eingebaut. Besonders die schon zugelassenen Fahrzeuge werden nur selten nachgerüstet. Gil Ayalon sieht den Gesetzgeber in der Pflicht, verbindliche Regelungen aufzustellen. Die Eigenmotivation reiche da oft nicht aus. "Fast jeder denkt schließlich von sich selbst, er sei ein guter Fahrer."

In Deutschland steht die Prüfung einer Nachrüstpflicht für Abbiegeassistenten in Nutzfahrzeuge zwar im Koalitionsvertrag – ohne eine gemeinsame Regelung auf EU-Ebene kann Deutschland allerdings keine Vorschriften einführen. Weil die EU aber erst ab 2022 jene Regelung einführen will, geht es nur schleppend voran. "Die EU fokussiert sich hauptsächlich auf die Zulassungsregulierung von Neufahrzeugen", sagt Gil Ayalon. "Sie müssen sich aber auch mehr um die Fahrzeuge kümmern, die bereits auf der Straße sind."

In Deutschland hat Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) jetzt die "Aktion Abbiegeassistent" mit Unterstützung aus der Transportbranche, von Herstellern, Verkehrsverbänden und der Polizei gestartet, die die Einführung beschleunigen soll - allerdings auf freiwilliger Basis. Dekra ist Sicherheitspartner bei der Aktion.

Vertrauen in die Technologie gewinnen

Trotz ihres Sicherheitspotenzials könnten Assistenzsysteme das Problem der Abbiegeunfälle nicht alleine lösen, meint Dekra-Vorstand Klinke. Er fordert noch weitere Maßnahmen zum Schutz der verletzlicheren Verkehrsteilnehmer, unter anderem blinkende Seitenmarkierungsleuchten an Lkw, die man auch sieht, wenn man direkt neben dem Fahrzeug steht.

Außerdem moniert die Organisation eine Regelung der Straßenverkehrsordnung, die es Rad- und Mofafahrern erlaubt, an Lkw, die beispielsweise an der Ampel warten, rechts vorbei zu fahren, wenn ausreichend Platz vorhanden ist. "Dieser Platz entsteht überhaupt nur dann, wenn der Lkw sich etwas weiter links einordnet, um nach rechts abbiegen zu können", sagt Clemens Klinke. "Das heißt, dass ungeschützte Verkehrsteilnehmer durch diese Regelung buchstäblich in eine Falle gelockt werden. Wir fordern seit Jahren, dass dieser Absatz 8 im Interesse der Sicherheit der Radfahrer gestrichen wird."

Eine große Unfallreduktion könnte irgendwann mit der Einführung (teil-)autonomer Autos kommen. Auch daran arbeitet Mobileye. Laut Ayalon wird die Umsetzung aber noch eine Weile dauern. "Autonomes Fahren wird nicht morgen kommen" , glaubt er. "Wir müssen erstmal dafür sorgen, dass es absolut sicher ist. Die Menschen müssen Vertrauen in die Technik haben." Einem Menschen würde man einen Fehler schließlich eher mal verzeihen – Technologie dagegen weniger.

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