Israelische Unternehmerin will Auto-Hacks unmöglich machen

Israelische Unternehmerin will Auto-Hacks unmöglich machen

Autos sind ein Sicherheitsrisiko, wenn Hacker sich mit bösen Absichten Zugriff verschaffen. Eine israelische Unternehmerin sagt ihnen den Kampf an.

Digitalisierung | Von Guido Reinking

Der weiße Mittelklassewagen fährt eine Straße in Tel Aviv entlang. Am Rand stehen drei junge Männer mit einem Laptop. Sie drücken einen Knopf, und das Auto macht eine Vollbremsung. "Wir konnten am Ende die Kontrolle übernehmen, ohne dass der Fahrer eine Chance hatte, dies zu verhindern", sagt Moshe Nissan. Er setzte drei Programmierer an das Projekt "Auto-Hack", ein zufällig ausgewähltes Mittelklasse-Modell ohne permanente Internet-Verbindung. Nach kurzer Zeit fanden sie einen Weg.

Moshe Nissan war als Oberst der Israelischen Armee Chef des "National Center for Cyber Security" des Landes, der Abwehreinheit für Angriffe auf die IT-Infrastruktur. Jetzt arbeitet er für die im Jahr 2011 gegründete Firma OSR Enterprises AG. Das Unternehmen will nicht weniger als die elektrische Architektur im Auto revolutionieren – und damit auch vor Hackerangriffen schützen.

Denn die jetzige IT-Architektur im Auto ist anfällig. "Es ist unmöglich, eine Architektur, die prinzipiell aus den 80er Jahren stammt, für ein Zeitalter anzupassen, in dem Auto ständig online sind", sagt Moshe Nissan. Wer das nicht glaubt, dem zeigt er das Video des Hacker-Angriffs.

Viel IT, wenig Überblick  

Wenn die deutsche Automobilindustrie nicht aufpasst, stolpert sie nach der Diesel- und Abgaskrise in den nächsten Skandal: der mangelhafte Schutz ihrer Autos vor Hackern und Datenklau. Dabei ist das nicht die einzige Herausforderung, vor der die Branche steht: Die Giganten aus dem Silicon Valley drängen mit ihrer IT-Kompetenz ins Auto, und sich damit zwischen die Autohersteller und ihre Kunden.

Das Büro von Moshe Nissan liegt in einem unansehnlichen, fast fensterlosen Gebäude in Petah Tikva, einem Vorort von Tel Aviv. Drinnen sitzen dutzende Programmierer und Ingenieure an ihren Computern und Messgeräten, schreiben Programmcodes und testen Platinen. Gegründet wurde die Firma von Orit Shifman, einer Unternehmerin mit klaren Vorstellungen, wie die neue Datenwelt im Auto künftig aussehen sollte: "In Zukunft werden Daten die entscheidende Basis für Geschäftsmodelle in der Mobilität sein. Die neue Ära erfordert eine neue und sichere IT-Lösung. Dazu muss man denken wie ein High-Tech-Unternehmen und nicht wie ein Automobilhersteller oder klassischer Zulieferer", sagt Orit Shifman. Dazu baut ihr Unternehmen eine neue Elektronik-Plattform für das Auto der Zukunft. "Wir liefern eine zentrale Steuereinheit mit separaten und gesicherten Domains, mit beispielloser Datensicherheit und neuronalem Netzwerk, das die perfekte Basis für ihre Künstliche Intelligenz ist."

Steuergeräte schaffen Angriffsfläche 

Bisher sind die Daten im Fahrzeug auf Dutzende Steuergeräte (ECUs) verteilt. In komplexen Autos können es mehr als hundert sein. Die große Anzahl an Steuergeräten schafft nicht nur eine größere Angriffsfläche für Hackerangriffe. Es fehlt auch an der notwendigen Rechenleistung um die Datenflut zu beherrschen, wenn Fahrzeuge erst teil- oder vollautonom unterwegs sind. "Wir konsolidieren diese ECUs in eine einzige Einheit, unser Automotive Multi-Domain AI-Brain", sagt Orit Shifman. "In dieser zentralen Recheneinheit, auf separaten, gesicherten Domains, läuft alles – vom Infotainment bis zu autonomen Fahrfunktionen, von der Vernetzung bis hin zur Steuerung des Antriebs."

So könne der OEM die Zahl der Steuergeräte auf 30, 10 oder weniger reduzieren. Die zentrale Steuereinheit verfügt auch über "Deep Neural Networks", eine Form des maschinellen Lernens. Einige der weltweit führenden Experten für künstliche Intelligenz (KI/AI) sind Teil des OSR Teams. "Wir verwenden KI nicht nur um die Datensicherheit sicherzustellen oder um fahrerlose Taxis zu ermöglichen, sondern auch um Hersteller in die Lage zu versetzen, komplett neue personalisierte Dienste zu entwickeln ohne die Privatsphäre zu beeinträchtigen", sagt Orit Shifman.

Auf der New Mobility World, der Mobilitätsschau der IAA, hat OSR den ersten großen öffentlichen Auftritt. Bisher hat das Unternehmen im Hintergrund agiert und Kontakte zu Autoherstellern und IT-Unternehmen geknüpft. Mit mehreren, darunter SAP, wird OSR Kooperationen eingehen. So arbeitet OSR mit SAP zusammen, um die Plattform und die Cloud Services-Struktur auszubauen. Dies wird den Herstellern helfen, die Lücke zwischen den im Fahrzeug integrierten Systemen und den Back-End Services zu schließen. Weitere Kooperationen mit führenden Soft- und Hardwareunternehmen sollen folgen. Dass OSR erst jetzt an die Öffentlichkeit geht, hat einen Grund. "Wir haben mindestens 3 Jahre Entwicklungsvorsprung", sagt Orit Shifman, den wollte man nicht gefährden.

Rund 100 Ingenieure arbeiten in Israel und in der Schweiz für OSR. Das Unternehmen wächst schnell. Innerhalb eines Jahres sollen es 300 Mitarbeiter sein. Obwohl eigentlich kein Start-up, ist OSR Teil der schnell wachsenden Gründerszene in Israel, wo sich allein 300 Startups mit Themen der Mobilität beschäftigen.

Die Mission der Unternehmens ist klar: "Wir wollen den Automobilherstellern helfen, sich neu zu erfinden", sagt Orit Shifman, "die Hersteller müssen die veralteten Systeme loswerden, ohne neue Abhängigkeiten zu schaffen." Das Unternehmensziel ist entsprechend hoch gesteckt: OSR will der führende Anbieter für die Elektronikplattform von Fahrzeugen werden. Nicht mehr und nicht weniger.

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