Goupil G4: Ein Fuchs schleicht durch die Innenstadt

Goupil G4: Ein Fuchs schleicht durch die Innenstadt

Für Transporte auf der letzten Meile muss nicht immer ein großer Transporter ran, oft genügt im engen Stadtgewusel ein elektrischer Kleinlieferwagen. Meint zumindest der Düsseldorfer Online-Lebensmittelhändler Picnic und setzt auf einen minimalistischen Mini-Lkw aus Frankreich. Wir haben uns das Wägelchen genauer angesehen.

E-Mobilität | Von Joachim Geiger |

Bücher, Elektronik oder Mode bestellen die Deutschen schon lange im Internet. Jetzt will sie das niederländische Start-up Picnic dazu bringen, auch frische Gurken, Eier und Brot online zu ordern. Die Lebensmittel aus dem virtuellen Supermarkt liefert der Händler den Kunden gratis mit dem Elektro-Lieferwagen – zu günstigen Preisen. Eine im doppelten Wortsinn tragende Rolle spielt dabei ein Franzose, genauer: der Goupil G4, der mit seinem 13,8 kWh großen Lithium-Batteriepack bis zu 120 Kilometer weit kommen soll.

Das Wägelchen ist samt Außenspiegel gerade einmal 1,57 Meter breit, ein VW Golf kommt auf 2,03 Meter. Es gehört damit zur Fahrzeugklasse N1 und darf bei einer zulässigen Gesamtmasse von bis zu 3,5 Tonnen bis zu 1,2 Tonnen zuladen, was es zur Güterbeförderung mit befähigt. Optisch rangiert der Goupil G4 irgendwo zwischen der Piaggio Ape und dem StreetScooter der Deutschen Post.

Mit der kurzen Schnauze und den großen Scheinwerfer-Augen dürfte der Lieferwagen bei vielen Betrachtern ein Kindchenschema auslösen. Das Logo mit dem spitznäsigen Fuchs auf der Frontabdeckung ist ein dezenter Hinweis auf den Hersteller Goupil, was übersetzt Fuchs bedeutet. Goupil stellt seit 1996 Elektrofahrzeuge auf die Räder und residiert tief im Südwesten von Frankreich in einem 600-Seelen-Dorf namens Bourran, auf halber Strecke zwischen Bordeaux und Toulouse. Seit 2013 gehört Goupil zum US-Konzern Polaris, der mit Schneemobilen groß geworden ist. Generalimporteur für die Elektroflitzer ist die Iseki-Maschinen GmbH in Meerbusch, einen Steinwurf von der Umschlaghalle von Picnic in Neuss entfernt.

Picnic bringt den Supermarkt ins Web

"Mit Picnic haben wir das Shoppen neu erfunden", verkündet der Betriebswirt Frederic Knaudt, einer der drei Gründer von Picnic in Deutschland. Die Kunden kaufen, so der 33-Jährige, im Online-Supermarkt mit einer App ein, die gewissermaßen den physischen Rundgang durch den Supermarkt ersetzt. Im Angebot hat der Online-Händler unter anderem Obst und Gemüse, Tiefkühl- und Backwaren sowie frische Produkte von örtlichen Landwirten, Bäckern und Metzgern. Den größten Teil der Produkte bei Picnic steuert Edeka Rhein-Ruhr bei.

Was Picnic anders macht als andere Supermärkte? "Wir bieten alle Produkte zum günstigen Preis und liefern die Bestellung gratis nach Hause", verspricht Knaudt. Damit das funktioniert, ziehen die Gründer alle Register der Logistik. Für jedes Auslieferungsgebiet haben sie bis auf die Stunde exakt definiert, an welchem Tag und zu welcher Zeit die Lieferwagen vor Ort sind. Da sich die Lieferzeiten von Wochentag zu Wochentag verändern, kann sich der Kunde bei der Bestellung die Kombination von Tag und Uhrzeit aussuchen, die ihm am besten passt.

Der Goupil verbindet Minimalismus mit direktem Fahrgefühl

Seit April 2018 ist Picnic mit einem Zentrallager in Viersen und zwei Umschlaglagern in Neuss und Mönchengladbach am Start und erlebte im Weihnachtsgeschäft seine Bewährungsprobe. Rund 45 Elektroflitzer drehen mittlerweile im Großraum Düsseldorf ihre Runden, neuerdings auch in Mönchengladbach. Am Steuer Studenten, die bei Picnic Runner heißen. Beschwerden, wie sie sich Postboten und Paketfahrer täglich von genervten Autofahrern anhören müssen, denen sie den Platz versperren, kennen die Fahrer von Picnic nicht. Schließlich sind die Minis schmal genug, um in den meisten Straßen noch Platz fürs Vorbeifahren zu lassen.

Mit einem Wendekreis von gerade einmal 3,90 Metern ist der Franzose enorm wendig. "Für uns ist der Goupil G4 mit seiner hohen Ladekapazität geradezu ideal", schwärmt Frederic Knaudt. Üppige Platzverhältnisse darf der Fahrer in seinem Fuchs allerdings nicht erwarten. Satte 80 Prozent der Fahrzeuglänge entfallen auf den Laderaum, gerade einmal 20 Prozent auf die Kabine. Der Arbeitsplatz am Steuer fällt daher zwar spartanisch aus, bietet aber ein ungewöhnlich direktes Fahrgefühl: Die große Frontscheibe wölbt sich kräftig nach außen, die eingefassten Kunststofffenster in den Seitentüren ziehen sich weit nach unten, was einen ausgezeichneten Rundblick ermöglicht. Die Türen sind oben und unten mittels zwei Schrauben am Rahmen angeschlagen. Sie öffnen nach hinten und ermöglichen dadurch einen komfortablen Einstieg.

Das Display in der Mitte der schmalen Konsole bietet eine gute Sicht auf die Anzeige der Geschwindigkeit, der Batteriedaten und der Rückfahrkamera. Im unteren Bereich der Konsole lässt sich sogar ein kleiner Drehschalter für die Standheizung finden, die ihre Energie aus einem mitgeführten Kraftstofftank bezieht. Der Aufbau wiederum ist eine Maßanfertigung, groß genug für 48 Lebensmittelkisten, die in einem Gestell über das Heck auf die Ladefläche geschoben werden. Auf beiden Seiten verdecken Rollos die Kisten. Bei der Auslieferung braucht der Fahrer nur das Rollo nach oben zu schieben, um an die passende Kiste zu kommen. Damit ist er deutlich effizienter und schneller, als wenn er sie aus dem Kofferraum holen muss.

Eine SMS kündigt den Fuchs an

Der Arbeitstag der Runner beginnt damit, dass sie den Transporter mit Lebensmittelkisten bestücken, die roten für Trockengut, die schwarzen isolierten für Kühlware. Der Startschuss für die Auslieferung fällt pünktlich um 14.30. Bis Schichtende um 22 Uhr haben die Runner drei jeweils zwei Stunden lange Touren vor sich, bei denen sie im Schnitt pro Tag 80 Kilometer zurücklegen. Die Touren selbst plant bei Picnic kein Disponent aus Fleisch und Blut. Stattdessen hat das Start-up einen Algorithmus entwickelt, der für jedes Liefergebiet die optimale Reihenfolge der Adressen berechnet.

Sobald ein Runner das Umschlaglager mit der Ware verlässt, erhält der Kunde automatisch per SMS oder Push-Nachricht die Info, wann er mit dem Eintreffen der Lieferung rechnen kann. Die Runner haben dann ein Zeitfenster von 20 Minuten für die Anfahrt. Ihrem Goupil müssen sie daher die Sporen geben. Allzu sportliche Ambitionen lässt der Induktionsmotor mit seiner Leistung von zehn Kilowatt und dem maximalen Drehmoment von 57 Newtonmetern allerdings nicht aufkommen.
Da die Höchstgeschwindigkeit auf 50 Kilometer pro Stunde begrenzt ist, wird sich das urige Gefährt nicht auf Schnellstraßen sehen lassen.

Vielleicht ist das auch gut so. Das Wägelchen rumpelt nämlich förmlich über den Asphalt und stürzt mit Hurra in jedes größere Schlagloch, wie eine Probefahrt zeigte. Die Lenkung ist schwammig, die Bremsen erfordern einen nachhaltigen Druck aufs Pedal, um das Fahrzeug wirksam zu verzögern. Vor engeren Kurven ist es angeraten, das Tempo deutlich herauszunehmen.

Schließlich können in einem Goupil 50 km/h ganz schön schnell sein, wenn die Fuhre voll beladen ist. Andererseits sind Fahrkomfort und Fahrleistungen, wie man sie einem ausgewachsenen Transporter abverlangt, im Habitat des Goupil G4 gar nicht gefragt. Der kleine Franzose ist bislang vor allem ein Kandidat für Gärtnereien, Handwerker und Kommunen. Wie es aussieht, könnte auch die Lebensmittelbelieferung auf der letzten Meile ein Einsatzgebiet werden. Für Frederic Knaudt ist jedenfalls klar: Wenn Picnic sein Liefergebiet erweitert, ist der Goupil wieder gesetzt.

Artikel teilen

Kommentare

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...