Eurobike: leichtes Radeln mit schweren Lasten

Eurobike: leichtes Radeln mit schweren Lasten

Gerade trifft sich die Fahrradbranche in Friedrichshafen wieder zu ihrer Leitmesse. Die große Nachfrage vor allem nach E-Bikes sorgt für gute Geschäfte. Damit das so bleibt, gibt es eine Menge Innovationen zu sehen – für winterharte Sportler genauso wie für mobile Familien.

Fahrrad | Von Lothar Kuhn

Elektrifizierung plus Digitalisierung plus Lastenrad: Das sind die drei großen Trends, die dieses Jahr die Eurobike in Friedrichshafen dominieren. Über 1400 Aussteller zeigen, was kommende Saison in die Läden rollen wird – und manch Visionäres auch erst in ein paar Jahren. Klar ist: Das mehr als 200 Jahre alte Zweirad ist noch lange nicht am Ende seiner Entwicklung angekommen. Im Gegenteil, wenn erst einmal Robotaxis den Verkehr in den Städten massiv verändern, könnte das Fahrrad auf einmal eine viel größere Rolle übernehmen.

Der Bike-Branche geht es derzeit gut. „Wir blicken sehr zuversichtlich auf die Fahrradsaison 2018“, verkündete Siegfried Neuberger, Geschäftsführer des Zweirad-Industrie-Verbands auf der Messe. Dank des bisher guten Wetters rechnet er mit 800.000 bis 900.000 verkauften E-Bikes in diesem Jahr - die Modellgruppe, die besonders schnell wächst. Vergangenes Jahr waren es rund 720.000 Pedelecs. Damit ist mittlerweile jedes fünfte verkaufte Rad elektrifiziert.

Neue Antriebskonzepte, bessere Akkus bis hin zu ABS machen die E-Bikes leichter, sicherer und sorgen für mehr Reichweite. Besonders die Lastenräder profitieren, da sie mit elektrischer Schubhilfe leichter und bequemer zu fahren sind als bisher. Zudem gibt es vom Bund und den Ländern Fördergelder für die Cargo-Bikes – sowohl für den gewerblichen wie für den privaten Einsatz.

Die Hersteller reagieren und bringen zahlreiche neue Modelle für die unterschiedlichsten Einsatzzwecke auf den Markt: So schleppt der Tender des niederländischen Anbieters Urban Arrow bis zu 300 Kilogramm und hat Platz für zwölf Bierkästen. Das Muli vom hessischen Start-up Muli-Cycles ist dank kurzem Radstand sehr wendig, ein Kindersitz lässt sich leicht ein- und ausbauen, der Ladekorb schnell zusammenklappen. Damit nimmt das zweirädrige Lastenrad im Fahrradkeller nicht viel Platz weg. Und der Salamander Cycle Stroller vom kanadischen Anbieter Wike lässt sich mit wenigen Handgriffen durch einen geschickten Klapp-Mechanismus vom Fahrrad in einen Kinderwagen verwandeln.

Pedelecs auf Diät

Auch das Vorurteil, Elektroräder seien schwer und unhandlich, widerlegen einige Hersteller mit Mager-Modellen: So bietet der italienische Traditionshersteller Wilier Triestina mit dem Cento1 Hybrid ein E-Rennrad an, das gerade einmal 11,9 Kilogramm wiegt. Und das One Cycle vom Heidelberger Anbieter Coboc kommt als Single-Speed, also als puristisches Stadtrad ohne Gangschaltung, auf gerade einmal elf Kilogramm.

Auch beim Zubehör gibt es einige spannende und nützliche Innovationen: vom vernetzten Reifendrucksensor über beheizbare Überschuhe bis hin zum Schlafkissen für Kinder im Fahrradanhänger. Und an einer völlig neuartigen Schaltung arbeiten Entwickler aus England - die aber noch ihre Serientauglichkeit beweisen muss (siehe Bilderstrecke).

Neue Bewegungsfreiheit in den Städten

Einen viel größeren Anteil am Verkehr als heute können Fahrräder künftig in den Städten – im privaten wie im gewerblichen Einsatz – bestreiten, wenn erst einmal autonom fahrende Robotaxi flächendeckend den Individualverkehr mit Autos ersetzen. „Dann sind nur noch zehn Prozent der Fahrzeuge nötig, um die Mobilitätsbedürfnisse aller Bewohner zu befriedigen“, erklärte Thomas Sauter-Servaes auf dem EDISON-Talk zur Eröffnung der Eurobike im ZF-Forum. Sauter-Servaes leitet den Studiengang Verkehrssysteme an der ZHAW School of Engineering im Schweizer Winterthur.

Parkende Autos, so seine Vision, müsste es dann in den Innenstädten nicht mehr geben. Doch was dann mit dem frei werdenden Platz passieren soll, darüber müsse sich die Gesellschaft möglichst bald verständigen. Aus den bisher weit verbreiteten Parkstreifen könnten entweder neue Spuren für Autos oder Wege für Radfahrer werden. Um die Verkehrsströme in Zukunft zu steuern, führt aus seiner Sicht kein Weg an einem Preissystem vorbei. Je nachdem, wie viele Abgase Fahrzeuge ausstoßen oder wie viel Lärm sie erzeugen, sollten sie unterschiedliche Gebühren zahlen, wenn sie in die Städte wollten. Fahrräder und Cargo-Bikes könnten davon profitieren.
Stefan Wieber kann sich solch ein System prinzipiell vorstellen. Er war bei Ford in den USA mit der Entwicklung eines Geschäftsmodells für Elektromobilität sowie der Entwicklung des Produktportfolios für batterie-elektrische Fahrzeuge betraut und leitet nun in Europa das Produktmarketing. Schließlich sei, so Wieber, die Elektromobilität in Norwegen nur aufgrund der staatlichen Förderung so erfolgreich: durch Steuervorteile, eine gute Ladeinfrastruktur und eigene Fahrspuren für E-Autos, sagte er auf der Podiumsdiskussion im Rahmen des EDISON-Talks.

Allerdings, gab der bekannte Schweizer Fahrzeugdesigner Frank Rinderknecht zu bedenken, sei auch noch längst nicht klar, wie groß die Akzeptanz für Robotaxi sein werde. Schließlich sei es nicht Jedermanns Sache, sich mit vier, fünf Menschen solch ein Auto für eine Fahrt zu teilen. Das dann auch noch alle paar Hundert Meter anhalte, um Passagiere ein- und aussteigen zu lassen. „Die Fahrzeuge müssen genug Convenience bieten“, mahnte Rinderknecht, sprich bequem und nutzerfreundlich sein.
Vielleicht nimmt dann doch so mancher Stadtbewohner lieber gleich das Rad, um an sein Ziel zu kommen.

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