Energie-Ökonomin: "Virtuelle Kraftwerke müssen Standard werden"

Energie-Ökonomin: "Virtuelle Kraftwerke müssen Standard werden"

Claudia Kemfert ist Energie-Ökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Im Interview spricht sie über die Frage, wie virtuelle Kraftwerke zum Gelingen der Energiewende beitragen können.

Solarenergie | Von Alexandra Jegers |

Frau Kemfert, virtuelle Kraftwerke verbinden viele kleine Stromerzeuger wie Solarkraftwerke, Windparks oder Biogasanlagen zu einem großen Pool. Warum ist das sinnvoll?
Die Energiewende sieht vor, dass wir ab dem Jahr 2050 mindestens 80 Prozent unseres Stroms aus erneuerbaren Energien gewinnen. Anders als konventionelle Kraftwerke, die ihre Produktion sehr genau steuern können, unterliegen Wind- oder Solarparks Schwankungen. Die Sonne scheint nicht immer, genauso wie auch der Wind nicht immer weht. Gegner der Energiewende befürchten, dass wir allein mit erneuerbaren Energien die Versorgungssicherheit in Deutschland nicht mehr aufrechterhalten können. Was viele dabei nicht berücksichtigen: Erneuerbare Energien sind Teamplayer. Ein Windpark alleine mag an windstillen Tagen nicht genügend Leistung erbringen, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. In Kombination mit einer Solar- und Biogasanlage sieht das schon ganz anders aus.

Wie funktioniert das?
Virtuelle Kraftwerke bündeln die vielen dezentralen Anlagen zu einer großen Einheit, die genauso sicher und zuverlässig funktioniert wie ein konventionelles Kraftwerk. Dafür muss man die Produktion der einzelnen Anlagen sehr genau steuern. Virtuelle Kraftwerke erheben Echtzeit-Daten über die aktuelle Auslastung, erstellen Prognosen für die Zukunft und schalten auf dieser Basis die dezentralen Anlagen zu oder ab, je nachdem wie hoch der Strombedarf gerade ist. Das alles passiert vollautomatisch und digitalisiert.

Virtuelle Kraftwerke gelten als wichtiger Baustein für das Gelingen der Energiewende. Dennoch pflegen sie in Deutschland noch immer ein Nischendasein. Woran liegt das?
Wir befinden uns in einer Übergangszeit. Derzeit produzieren wir rund 40 Prozent unseres Stroms aus erneuerbaren Energien. Der Anteil steigt zwar stetig, dennoch dominieren weiter konventionelle Erzeuger den Markt. Für viele Produzenten von erneuerbaren Energien hat es sich in der Vergangenheit schlicht nicht gelohnt, Teil eines virtuellen Kraftwerks zu werden, weil die Margen zu niedrig waren. Hinzu kommen hohe Markteintrittsbarrieren.

Inwiefern?
Die regulatorischen Voraussetzungen für den Markteintritt sind noch immer stark für das alte Energiesystem ausgerichtet, welches statisch und inflexibel war. Das zukünftige Energiesystem ist aber "3D": dezentral, dynamisch und digital. Anbieter von Speicher müssen heute beispielsweise noch immer unnötige Kosten und Zusatzzahlungen leisten und können zudem am Markt gar nicht direkt teilnehmen.

Wie lässt sich das ändern?
Die Rahmenbedingungen müssen so angepasst werden, dass wir in Zukunft hohe Anteile erneuerbare Energien flexibel, dezentral und intelligent einbinden können und möglichst viele Anbieter und Abnehmer miteinander verzahnen. Virtuelle Kraftwerke müssen Standard werden.

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