Emissionshandel: Deshalb ist der CO2-Preis so hoch

Emissionshandel: Deshalb ist der CO2-Preis so hoch

Der Preis für CO2-Zertifikate ist zuletzt rasant gestiegen. Die strengere Klimapolitik der EU trägt endlich Früchte – denn die Emissionsrechte werden knapper.

Emissionen | Von Jonas Gerding |

Der Emissionsrechtshandel der EU ist eines der ambitioniertesten klimapolitischen Projekte überhaupt. Doch wegen der niedrigen Preise galt die marktwirtschaftliche Antwort auf den fortschreitenden Klimawandel lange als wirkungslos. In den vergangenen fünf Jahren mussten Industriebetriebe für den Ausstoß von einer Tonne Kohlenstoffdioxid oftmals keine fünf Euro bezahlen.

Umso überraschender kam für viele daher die jüngste Preisrally. Im August 2018 stieg der Wert eines CO2-Zertifikats zum ersten Mal seit der Einführung im Jahr 2005 auf einen Wert von mehr als 20 Euro. Das entspricht laut OECD zwar immer noch nicht den tatsächlichen Kosten der Emissionen, die irgendwo zwischen 30 und 100 Euro liegen sollen, aber es ist ein großer Schritt. (Den aktuellen Kurs finden Sie hier.)
Das ist ein gutes Signal der europäischen Klimapolitik: Überschüssige Zertifikate werden nach und nach vom Markt genommen, was klimafreundliche Technologien attraktiver macht.

Zertifikate: Marktlösung für Marktversagen

Der Handel mit CO2-Zertifikaten ist eine klimapolitische Innovation: Im Gegensatz zu den üblichen Subventionen und Verboten ist der Emissionsrechtshandel vom Ende her konzipiert. Zuerst wird die maximal zulässige Menge an CO2-Emissionen ermittelt, mit der ein bestimmtes Klimaziel erreicht werden kann – zum Beispiel die in Paris vereinbarte Beschränkung der Erderwärmung auf nicht mehr als zwei Grad gegenüber vorindustriellen Zeiten.

Im nächsten Schritt werden Emissionsrechte in einem Umfang geschaffen, die jene zuvor festgelegte Obergrenze nicht überschreiten. Ein Unternehmen, das Güter produzieren oder Strom erzeugen möchte, muss von nun an für jede Tonne ausgestoßenem CO2 ein entsprechendes Emissionsrecht vorweisen können.
Wenn sie nicht vom Staat zugeteilt wurden, muss das Unternehmen die Zertifikate selbst einkaufen. Hat eine Firma wiederum mehr Zertifikate als nötig, kann es sie an andere verkaufen. So können zum Beispiel Anreize für Energiekonzerne geschaffen werden, Kohlemeiler vom Netz zu nehmen – und anstelle dessen in Windkraftanlagen zu investieren.

In der Praxis war die EU zu Beginn übervorsichtig: Die meisten Zertifikate wurden gratis an die Unternehmen vergeben und bestimmte Branchen ausgenommen. Vor allem jedoch war die Obergrenze der Gesamtemissionen viel zu großzügig definiert, zumal viele Firmen in der unerwartet schlechten wirtschaftlichen Lage der Finanz- und Eurokrise ihre CO2-intensive Produktion herunterfahren mussten.

Überangebot der vergangenen Jahre in Reserve

Die Folge: Ein massives Überangebot an Zertifikaten auf dem Markt. An der Leipziger Energiebörse (einem der Handelsplätze der Emissionsrechte) wechselten sie im Jahr 2013 für nur 2,46 Euro den Besitzer. Derart günstige Preise konnten viele Unternehmen problemlos verkraften – und so lief der Anreizmechanismus ins Leere.

Doch nun scheint die EU ernst zu machen. Derzeit wird die Obergrenze der Gesamtemissionen noch Jahr für Jahr um 1,74 Prozent gesenkt. Ab dem Jahr 2021 wird das Zertifikatangebot um jeweils 2,2 Prozent verringert. Insbesondere ist es jedoch die sogenannte Marktstabilitätsreserve, die für die nun steigenden Preise der Emissionsrechte sorgt.

In dieser Reserve liegen bereits Zertifikate, die 2014 bis 2016 zurückgehalten wurden. Und auch in den kommenden Jahren wird die Reserve weiter gefüllt werden. Bislang waren es ein Anteil von 12 Prozent der überschüssigen Zertifikate, die in diese Reserve gingen, 2019 soll er verdoppelt werden, was zu einer weiteren Verknappung führt – und schon heute die Preise für die Emissionsrechte steigen lässt.

Damit liegen die Emissionsrechte erst einmal auf Eis. Erst wenn die Zahl der Zertifikate rapide sinkt oder ihr Preis mehr als dreimal so hoch wie der Durchschnittspreis der vorangegangenen beiden Jahre ist, gibt der Fonds wieder Zertifikate auf den Markt.

Experten rechnen mit steigenden Preisen

Die Bank Berenberg hält bis 2030 sogar CO2-Zertifikate von bis zu 100 Euro für möglich. Carbon Tracker hingegen, ein auf Klimawandel und Finanzmärkte spezialisierter Thinktank aus London, rechnet mit 35 bis 40 Euro zwischen den Jahren 2019 und 2023. Langfristig bräuchte es jedoch Preise in der Höhe von etwa 45 bis 55 Euro, um die Klimaschutzziele zu erreichen, so ihre Analyse.

Denn bei diesem Preis würden Stein- und Braunkohlekraftwerke aus dem Markt gedrängt werden, deren Geschäftsmodell, die Atmosphäre als kostenloses Abgaslager zu nutzen, sich nicht mehr rechnen würden.

Die Preise könnten jedoch auch schon bald wieder sinken, wenden andere Experten ein. Bei Spiegel Online erklärte Felix Matthes vom Freiburger Öko-Instituts beispielsweise den rasanten Preisanstieg zumindest teilweise mit Marktspekulationen. Emissionsrechte sind frei handelbar. Und so würden viele heute nicht nur zugreifen, um sich frühzeitig mit Rechten einzudecken – sondern auch, um diese zukünftig zu noch höheren Preisen gewinnbringend zu verkaufen.

Auch Mark Lewis, verantwortlich für den Report von Carbon Tracker, glaubt nicht an ständig steigende Preise: "Unserer Meinung nach wird sehr wahrscheinlich nach Gegenmaßnahmen gerufen, wenn die Preise für mehr als sein paar Monate in Folge 50 Euro pro Tonne übersteigen." Das würde manche Branchen in Existenznot – und Politiker zum Handeln bringen.

Denn so marktwirtschaftlich der europäische Emissionsrechtshandel auch wirken mag, die Rahmenbedingungen werden schließlich von der Politik bestimmt.

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