Das Vermächtnis der indigenen Wald-Städte

Das Vermächtnis der indigenen Wald-Städte

Seit 45.000 Jahren verändert der Mensch die Wälder, zeigt eine neue Studie. Für die Forscher Grund zum Optimismus: Indigene Siedlungen überlebten für Jahrtausende und sind damit ein Vorbild für modernen Städtebau.

Stadtplanung | Von Peter Vollmer

Jedes Jahr verliert die Erde über 100.000 Quadratkilometer Urwald. Die Fläche von Bayern und Baden-Württemberg zusammen, abgeholzt oder - noch schlimmer - einfach abgefackelt, zeigen Zahlen der UN. Bloß um mehr Land zu schaffen. Der Verlust der Wälder ist aus vielen Gründen dramatisch: Tier- und Pflanzenbestände gehen ein, die Funktion der grünen Lunge, die Sauerstoff produziert und CO2 bindet, fällt weg und nicht zuletzt verlieren wird die letzten ursprünglichen Wälder dieser Erde.

Dachte man bislang. Doch nun zeigt ein internationales Forscherteam um den Briten Patrick Roberts, dass der Mensch die Wälder schon seit 45.000 Jahren verändert - und dass der unberührte tropische Urwald eine Illusion ist. Schon vor der Industrialisierung dürfte es kaum noch ursprüngliche Waldgebiete gegeben haben.

In Südostasien, Australien und Neuguinea fand das Team, dem Forscher aus vier europäischen Instituten angehören, Beweise für Brandrodungen vor rund 45.000 Jahren. Jäger und Sammler haben damals künstliche Waldränder geschaffen, die besonders leckeren Tieren und Pflanzen als Heimat dienten. In den folgenden Jahrzehntausenden entwickelte sich die Agrarwirtschaft. In Neuguinea bauten die Menschen Wurzeln und Bananen bereits vor etwa 10.000 Jahren an. Es folgten Gewürze und sogar Tiere, die in der Nähe der Siedlungen gehalten wurden - eine erste Form der Viehwirtschaft.

Solange es sich um Tiere und Pflanzen handelte, die ohnehin in der Region wuchsen, gab es keine Probleme. Roberts hält das für die vielleicht wichtigste Aussage der Studie: "Menschen haben für Jahrzehntausende nachhaltig in den Wäldern gelebt." Wenn heute also Indigene aus zentralafrikanischen Wäldern vertrieben werden, um dort einen möglichst ursprünglichen Wald zu rekonstruieren, kann der Brite nur den Kopf schütteln. "So viel wissen wir über die Wälder von vor 50.000 Jahren ja gar nicht", sagt er.

Sein Kollege Chris Hunt von der Liverpool John Moores University ergänzt: "Offensichtlich haben sie ihr Auskommen auf eine Weise gefunden, die auf die jeweilige Umgebung abgestimmt war." Die umweltschädigenden Effekte setzen erst deutlich später ein. In Südostasien etwa um das Jahr 2000 v. Chr. mit dem Beginn des Reisanbaus.

Waldstädte existierten über Jahrtausende

Die Forscher betonen, dass damit nur Landwirtschaftsflächen, aber keine Lebensräume geschaffen wurden. Lichtmessungen mit sogenannter Lidar-Technik deuten auf menschliche Ansiedlungen in Amerika und Südostasien hin, die nicht nur größer und vernetzter waren als bislang gedacht, sondern laut Roberts "wohl um ein Vielfaches länger bestanden als bislang die industriellen und städtischen Ansiedlungen der modernen Welt."

Über Jahrtausende existierende Urwaldstädte, die so nachhaltig waren, dass sie in kürzester Zeit spurlos verschwinden konnten? Keine einhergehende Umweltzerstörung? Die Forscher haben herausgefunden, dass Maya-Städter Wälder wie einen Garten bewirtschaftet haben, mit vielen ergänzenden Feldfrüchten statt zu roden. Roberts spricht von "Mosaik-Wald-Management".

Hinzu kommt in manchen Städten eine Zersiedelung, die grüne Zwischenzonen geschaffen hat. Waldstädte, die heute als Vorbild dienen könnten. "Ich finde es großartig, die Hinterlassenschaft vergangener Jahre aufdecken zu können und eine Verbindung zu den Mitgliedern unser Spezies von damals zu haben", schwärmt Roberts. Denn manche Fehler hat die Menschheit schon einmal gemacht.

In der kambodschanischen Region Angkor haben die Forscher Hinweise darauf gefunden, dass dortige Stämme unter extremen Fluten litten, die durch Waldrodung zumindest verschlimmert worden sein dürften - ähnlich wie heute in Südamerika. Mehrere Maya-Gruppen haben auf Monokulturen gesetzt - ihnen setzten plötzliche Klimaveränderungen besonders hart zu.

Wichtige Lektionen, um das Problem des mangelnden Platzes auf der Welt anzugehen, findet Roberts. "Die Produktionssysteme der Indigenen, die von den Archäologen allmählich entschlüsselt werden, sollten als Teil einer Lösung betrachtet werden." Denn auch ihm ist klar: Mit wachsender Bevölkerung wird auch der Druck auf die letzten Tropenwälder der Erde weiter steigen.

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