CO2-Ausgleich: Reisen mit reinem Gewissen?

CO2-Ausgleich: Reisen mit reinem Gewissen?

Viele Reiseanbieter gleichen die bei Fahrt oder Flug entstehenden Emissionen gegen einen kleinen Aufpreis aus. Wer bietet diese Möglichkeit für Fernreisen an – und was passiert mit dem Geld?

Emissionen | Von Robyn Schmidt |

Wer gerne Urlaub macht, aber auch dem Klima nicht zulasten fallen möchte, ist ziemlich aufgeschmissen. Reisen ins Ausland? Gehen häufig nur mit dem Flugzeug, das dabei ordentlich CO2 in die Atmosphäre pumpt. Ein Ausflug an die Nordsee? Leider auch nur mit Bahn, Bus oder Auto, die ebenfalls Schadstoffe in die Luft jagen. Für viele heißt es also, entweder den Urlaub auf Balkonien zu verbringen oder mit konstantem Schuldgefühl am Südseestrand zu liegen. Dabei gibt es ein reines Gewissen schon ab 75 Cent. 

Viele Reiseanbieter für Bus, Bahn und Flüge haben im Formular bei der der Online-Ticketbuchung nämlich einen besonderen Kasten. Wer dort ein Häkchen setzt, gleicht seinen durch die Reise verursachten CO2-Ausstoß aus, indem er mit einem kleinen Aufpreis weltweit Projekte unterstützt, die Emissionen an anderen Orten verringern.

Ein moderner Ablasshandel?

Bezahlen für ein gutes Gewissen also – ein Konzept, das weder neu noch unumstritten ist. Einer, der sich damit auskennen muss, ist der Papst, hat es doch die katholische Kirche mit ihrem Ablasshandel in der Renaissance auf die Spitze getrieben. Seit 1562 ist das Bezahlen für die Erlassung von Sünden verboten und auch zu den CO2-Kompensationen der Reiseanbieter hat der amtierende Papst Franziskus eine klare Meinung: "Heuchelei" sei das, sagte er im vergangenen Jahr. "Die Flugzeuge verschmutzen die Atmosphäre, aber mit einem Bruchteil der Summe des Ticketpreises werden dann Bäume gepflanzt, um den angerichteten Schaden zu kompensieren." Wenn man dieser Logik weiter folge, würden Rüstungskonzerne bald Krankenhäuser für jene Kinder einrichteten, die ihren Bomben zum Opfer fielen.

Auch wenn der Vergleich drastisch sein mag: Papst Franziskus spricht damit eine häufige Kritik an dem Konzept aus. Denn am besten wäre es natürlich, Emissionen schon von vorneherein zu vermeiden. Das sieht auch das Umweltbundesamt (UBA) so, das im Juli in einem Report zu dem Thema schrieb: "Verbraucherinnen und Verbraucher sollten sich bewusst sein, dass CO2-Kompensation nicht als Lizenz zu umweltschädlichem Handeln betrachtet werden darf. Der erste Schritt sollte immer sein, den eigenen Fußabdruck so gut es geht zu minimieren. CO2-Kompensationen allein sind nicht ausreichend, um das globale Problem des Klimawandels zu lösen."

DB: Ökostrom statt Ausgleich

Die Deutsche Bahn scheint sich das zu Herzen genommen zu haben. Sie bietet keine CO2-Kompensation an. Stattdessen wirbt das Unternehmen seit Anfang des Jahres dafür, zu 100 Prozent mit Ökostrom zu fahren. Die Bahn kauft genauso viel Energie aus erneuerbaren Quellen ein, wie sie verbraucht. Dieses Versprechen gilt allerdings nur für Reisende des Fernverkehrs. Im Nahverkehr und der Logistik setzt das Unternehmen weiterhin auf fossile Energiequellen. Insgesamt kamen 44 Prozent der 2017 genutzten Energie aus erneuerbaren Quellen - ein Wert der seit fünf Jahren fast unverändert ist und bis 2020 zumindest auch nicht weiter steigen soll. Immerhin: Die Bahn hat eine bessere Bilanz als der gesamtdeutsche Strommix.

Für die meisten Unternehmen ist komplett klimaneutrales Reisen auf langen Strecken noch kaum möglich. An dieser Stelle, sei der freiwillige CO2-Ausgleich laut UBA durchaus eine Möglichkeit, den Schaden so gering wie möglich zu halten.

Zertifikate versichern, dass das Geld sinnvoll genutzt wird

Etwa bei Flixbus kann man den Öko-Aufpreis zahlen, ebenso bei der Lufthansa oder Ryanair. Diese arbeiten meistens mit externen Organisationen wie Atmosfair, Arktik, Climate Partner oder MyClimate zusammen. Diese berechnen den durch die spezifische Reise entstehenden CO2-Fußabdruck und arbeiten mit Projekten in der ganzen Welt zusammen, bei denen Emissionen verringert werden. Atmosfair kooperiert beispielsweise mit Windkraftprojekten in Südafrika und Nicaragua, MyClimate unter anderem mit einem Projekt für Biogasanlagen im ländlichen Indien. Abhängig davon, wie viel Geld das Projekt benötigt, um die CO2-Menge auszugleichen, fällt die Höhe des Aufpreises aus.

Wie wirksam die Klima-Spende am Ende wirklich ist, ist häufig schwer zu sagen. Das UBA empfiehlt darauf zu achten, dass die unterstützen Projekte gewisse Standards erfüllen. Gut seien beispielsweise die Zertifikate von Gold Standard oder Verified Carbon Standard. Diese garantieren, dass durch die Ausgleichs-Spenden beim unterstützten Projekt tatsächlich ein dauerhafter zusätzlicher Nutzen entstehe.

Nur wenige Reisende kompensieren ihren Fußabdruck

Verbraucher sind von den CO2-Ausgleichen offensichtlich noch nicht wirklich überzeugt. Bei Flugreisen entscheiden sich nur sehr wenige Menschen für den Öko-Aufschlag. "Zwischen drei und fünf Prozent bezahlen dafür", sagt Harald Zeiss, der sich an der Hochschule Harz mit nachhaltigem Tourismus beschäftigt, der dpa. Und auch der Anbieter für Mitfahrgelegenheiten BlaBlaCar zieht eine enttäuschte Bilanz: Von Sommer 2016 bis Ende 2017 kooperierte das Unternehmen mit MyClimate, um jede gebuchte Fahrt zu kompensieren. Nach eineinhalb Jahren wurde das Projekt wieder eingestellt: "Da das Feedback und die Wertschätzung der Community gegenüber diesem Projekt leider nicht so positiv wie erhofft waren, haben wir uns dazu entschlossen, die Kooperation zu beenden", heißt es von BlaBlaCar.

Aber auch wenn einzelne Anbieter die Möglichkeit der Kompensation nicht anbieten heißt das nicht, dass Verbraucher keine Chance haben, ihre Emissionen auszugleichen. Denn der Umweg über die Reiseunternehmen muss nicht sein, man kann auch direkt zu Atmosfair, MyClimate und Co. gehen und seinen Klimabeitrag auch ohne Anschub durch den Reiseanbieter leisten.

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