Ausbau der Windenergie an Land kollabiert

Ausbau der Windenergie an Land kollabiert

Ein "Schlag in die Magengrube" sei die Statistik über neuerrichtete Windräder, klagen die Branchenverbände. Der ehemalige Energiewende-Meister Deutschland ist mittlerweile hinter Frankreich und Schweden zurückgefallen. Der Grund: fehlende Genehmigung und zahlreiche Klagen. Die Koalition will vor dem Herbst nichts dagegen tun.

Windenergie | Von Steven Hanke |

Der Bau von Windparks in Deutschland ist wie erwartet auf einem historischen Tiefpunkt angelangt. Im ersten Halbjahr dieses Jahres gingen bundesweit gerade einmal 86 Anlagen mit 287 MW Gesamtleistung ans Netz, teilten der Bundesverband Windenergie (BWE) und der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) in Berlin mit, meldet der Newsletter "Energate Messenger". Der Zubau fällt damit um 82 Prozent geringer aus als im ohnehin schon schwachen Vorjahreszeitraum und landet auf dem niedrigsten Niveau seit Einführung des Erneuerbare Energien-Gesetz vor knapp 20 Jahren.

"Es fehlen einem die Worte", brachte Matthias Zelinger, energiepolitischer Sprecher des VDMA, die Stimmung in der Branche auf den Punkt. Die Zahlen seien ein "Schlag in die Magengrube der Energiewende". Für die deutschen Hersteller sei der Heimatmarkt inzwischen zu einem unter vielen zusammengeschrumpft, der in der europaweiten Statistik nur noch auf Rang drei hinter Frankreich und Schweden rangiert.

Prognose für 2019 gesenkt

Ihre Erwartungen an das Gesamtjahr haben die Verbände noch einmal deutlich gesenkt: Jetzt gehen sie davon aus, dass 2019 Windräder mit einer Gesamtleistung von 1.500 Megawatt gebaut werden. Zuvor waren sie von 1900 MW ausgegangen. Selbst diese Prognose scheint angesichts der anhaltenden Probleme eher Wunschdenken zu sein. Damit hätte der vermeintliche Energiewende-Vorreiter Deutschland laut Zelinger nur noch einen Weltmarkt-Anteil von 2,5 Prozent.

Die Gründe für den dramatischen Einbruch sind hinlänglich beschrieben: Es ist der Mangel an Genehmigungen durch Klagen von Naturschützern, Flugsicherheitsbehörden und Anwohnern, der die Projektentwickler ausbremst. Die Zahl der genehmigten Projekte sei um 90 Prozent eingebrochen, weshalb der BWE einen Aktionsplan für mehr Genehmigungen vorlegte.

Ziel müsse ein Bruttozubau von 4700 MW jährlich sein, um das 65-Prozent-Ziel für 2030 zu erreichen. Dafür brauche es zwei Prozent der Flächen auf dem Bundesgebiet - aber nicht zwingend mehr Anlagen. Durch Repowering (bei dem alte Windräder durch leistungsfähigere neue ersetzt werden) könne die absolute Anlagenzahl stabil bei rund 30.000 bleiben. Die durchschnittliche Anlagenleistung könne von derzeit weniger als zwei auf bis zu acht MW steigen, so Zelinger.

Fraktionen der Regierungskoalition entscheiden im September

Den Genehmigungsstau auflösen sollte eigentlich die sogenannte "AG Akzeptanz" der Koalitionsfraktionen. Doch weil die Unionsvertreter auf ihrer Forderung nach bundeseinheitlichen Mindestabständen bestanden, was die SPD ablehnt, traf sich die AG vor der parlamentarischen Sommerpause nicht einmal mehr. Stattdessen sollen die Entscheidungen nun den Vize-Fraktionschefs überlassen werden.

Die treffen sich in der zweiten Septemberwoche, also in der ersten Sitzung des Bundestages nach der Sommerpause, um mit Blick auf die entscheidende Tagung des Klimakabinetts am 20. September Maßnahmen zu beraten. Die Windverbände fordern Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in einem Schreiben auf, dringend einen Windenergie-Gipfel zu organisieren. Sollte die Trendwende nicht gelingen, könnten schon bald mehr Windräder demontiert als installiert werden.

Opposition fordert Sofortmaßnahmen

Die Entwicklung der Windenergie im ersten Halbjahr lässt auch im Bundestag die Alarmglocken schrillen. "Die Zahlen sind noch schlimmer, als wir es erwartet haben", kommentierte Julia Verlinden, energiepolitische Sprecherin der Grünen. Die Verantwortung dafür trage die Bundesregierung, die beim Ausbau der Windenergie und der Erneuerbaren seit Jahren massiv Sand ins Getriebe streue. Der Bund müsse die Branche jetzt durch die Sicherung von Flächen und Genehmigungen stärken, so Verlinden. Auch die Grünen hatten dazu Sofortmaßnahmen vorgeschlagen.

Lorenz Gösta Beutin, klima- und energiepolitischer Sprecher der Fraktion Die Linke im Bundestag, sieht in den Zubauzahlen ein "Zeugnis für das Totalversagen der Bundesregierung bei der Energiewende". Während die Klimabewegung wachse und immer lauter werde, würge die Bundesregierung die Energiewende ab, so Beutin.

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