Model-3-Tagebuch: Mit Mad Max auf dem Highway

Model-3-Tagebuch: Mit Mad Max auf dem Highway

Tesla tastet sich langsam ans vollautomatische Fahren heran. Allerdings muss das neue System Navigate on Autopilot noch eins dringend lernen: Menschliche Verkehrsteilnehmer verhalten sich all zu oft reichlich irrational.

Matthias Hohensee Quelle: Joe McKendry
Matthias Hohensee

Matthias Hohensee arbeitet seit 20 Jahren im Silicon Valley als Tech-‧Korrespondent. In dieser Zeit hat er Apple-Legende Steve Jobs genauso getroffen wie Tesla-Boss Elon Musk.

Mindblowing ist ein Ausdruck, den die Menschen in den USA gern nutzen, um etwas Phänomenales zu beschreiben. Was einen so überrascht, dass das menschliche Hirn Probleme hat, es zu verstehen. Es ist eine Redewendung, die Tesla-Chef Elon Musk, eigentlich gebürtiger Südafrikaner, mit Vorliebe verwendet.

Wie zum Beispiel, um sein Navigate on Autopilot zu bewerben. Es ist eine neue Funktion, die Tesla in der Version 9 seiner Software im November freigeschaltet hat. Alle Teslas, die in den vergangenen zwei Jahren ausgeliefert wurden, können sie nutzen. Also auch mein eigenes Model 3.

Im Grunde ist es eine erweiterte Version des Tesla Autopilot. Der, obwohl der Name anderes suggeriert, ein ausgeklügeltes Fahrassistenzsystem ist. Denn anders als bei den sogenannten Level-3-Systemen, die beispielsweise BMW im Jahr 2021 einführen will, muss hier der Fahrer noch die ganze Zeit den Verkehr überwachen und das Lenkrad regelmäßig antippen oder sogar bewegen, um seine Aufmerksamkeit nachzuweisen.

Der Tesla will immer auf die linke Spur

Beim Autopiloten hält der Tesla selbständig die Spur und passt die Geschwindigkeit dem Verkehr an. Navigate on Autopilot schlägt zudem automatisch Spurwechsel vor, um beispielsweise langsamere Fahrzeuge zu überholen und ordnet sich rechtzeitig auf der entsprechenden Spur ein, um die entsprechende Ausfahrt zu nehmen. Das funktioniert derzeit nur auf dem Highway und natürlich nur, wenn die Navigation aktiviert ist, der Computer also die gewünschte Adresse kennt. Der Fahrer muss den vorgeschlagenen Wechsel bestätigen. Glücklicherweise – wie meine Erfahrungen zeigen.

Ich nutze das System seit ein paar Wochen. Es ist abwechselnd hilfreich und nervend. Auf dem Highway 280 zwischen Mountain View im Silicon Valley und San Francisco, den ich sehr oft fahre, schlägt es häufig Spurwechsel vor. Auf der bis zu fünfspurigen Schnellstraße touren auch viele selbstfahrende Autos von Waymo, Uber oder Ford herum.

Nicht immer sind die Vorschläge sinnvoll. Der Tesla hat die Tendenz, sehr gern auf die äußerst linke Spur zu wechseln. Treffe ich dort auf einen lahmen Vordermann, empfiehlt das System flugs den Wechsel auf die rechte Spur. Obwohl der Fahrer eigentlich schon erkennen kann, dass dies wenig bringt. Denn auch hier kann er über eine weitere Distanz sehen, dass der Verkehr bald ins Stocken gerät. Ich vermeide nach Möglichkeit häufige Spurwechsel, weil dies das Unfallrisiko erhöht. Besonders in den USA, wo die Autofahrer sowohl links als auch rechts überholen dürfen und sehr oft von hinten unverhofft Motorräder herandonnern und dicht rechts überholen.

Hoffentlich lernt die Künstliche Intelligenz des Fahrcomputers irgendwann, dass es idiotische Fahrer gibt. Die, aus Ramdösigkeit oder schlechter Laune heraus, den Spurwechsel nicht gestatten oder sogar aktiv verhindern. Navigate on Autopilot funktioniert am besten bei mäßigen Verkehr. In Los Angeles, wo ich das System auf dem Freeway zwischen Downtown und Santa Monica ausprobiert habe, ist es dagegen kaum zu gebrauchen.

Elon Musk kennt die Grenzen des Autopiloten

Dort herrscht fast immer dichter Verkehr. Und obwohl ich bei den Voreinstellungen für den Spurwechsel die Mad-Max-Variante gewählt habe, bei der der Wagen am zügigsten die Spur wechselt, ist das für Los Angeles noch zu konservativ. Dort muss der Fahrer im dichten Verkehr gewissermaßen sofort auf die gewünschte Spur springen, sobald er eine Chance sieht. Selbst wenn er damit den folgenden Verkehr ausbremst. Mit Navigate on Autopilot hätte ich jedenfalls nicht nur eine, sondern gleich mehrere Ausfahrten auf dem Weg nach Santa Monica verpasst.

Musk, der in Los Angeles wohnt, ist sich dessen bewusst. Hier, so witzelt er, müsste man nach Mad Max noch eine weitere, weitaus aggressivere Variante einführen, den Los-Angeles-Freeway-Modus.

Ist der Verkehr weniger dicht, beispielsweise in den späten Abendstunden auf dem Highway 280 im Silicon Valley, ist das System eine Freude. Der Tesla fährt dann weitgehend selbständig und versucht nicht, hin und her zu springen.

Bald, so kündigt Musk an, soll das System auch Stopp-Schilder erkennen und Ampeln. Sowie den Tesla selbständig parken und vorfahren. Es ist ein Vorgeschmack auf selbstfahrende Systeme.

Die Maschinen müssen nur noch erkennen, dass Menschen nicht immer rational handeln, im dichten Verkehr oft sogar emotional. Was fürs künstliche Hirn anscheinend mindblowing ist.

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