Kostenloser ÖPNV? Das macht die Luft nicht sauberer

Kostenloser ÖPNV? Das macht die Luft nicht sauberer

Die amtierende Bundesregierung will den Nahverkehr in Städten mit hoher Schadstoffbelastung kostenlos machen. Ein verlockender Vorschlag - der die Verkehrsprobleme der Metropolen aber nicht löst.

Lothar Kuhn schreibt über alles, was sich bewegt, vom Elektron in der Stromleitung bis zur Rakete im Weltall. Er ist Managing Editor von Edison. Quelle: Joe McKendry
Lothar Kuhn

Schreibt über alles, was sich bewegt, vom Elektron in der Stromleitung bis zur Rakete im Weltall. Er ist stellvertretender Chefredakteur von Edison.

Es klingt natürlich verlockend: einfach in U-Bahnen, Straßenbahnen, Busse einsteigen und nichts zahlen müssen. Kein lästiges Rumgetippe am Fahrscheinautomat mehr, keine teure Monatskarte. Aber würde ein kostenloser Nahverkehr wirklich die Verkehrs- und Abgasprobleme in den Großstädten lösen? Die noch amtierende Bundesregierung scheint daran zu glauben und hat diesen radikalen, bei vielen Bürgern sicher populären Schritt der EU-Kommission angeboten. Sie hofft so, Fahrverbote und Strafzahlungen abwenden zu können, weil seit Jahren die Grenzwerte für gesundheitsgefährdende Stickoxide und Feinstaubpartikel in den Städten überschritten werden.

Doch würden die Bürger wirklich ihre Autos stehen lassen und stattdessen mit Bus und Bahn zur Arbeit, zum Einkaufen fahren? Ich glaube nicht. Der Preis der Fahrkarte ist ja nur ein Faktor, der die Entscheidung der Kunden für oder gegen den ÖPNV beeinflusst. Schon heute sind die Linienbusse, die Bahnen zu den Stoßzeiten überfüllt. In München etwa ist der zentrale S-Bahn-Tunnel an seiner Kapazitätsgrenze angelangt, jede kleine Störung führt schnell zu Verspätungen im ganzen Netz. Wird der Nahverkehr durch ein kostenloses Angebot noch überfüllter, noch unzuverlässiger, werden viele ehemalige Autofahrer sehr schnell frustriert in ihre Blechkisten zurückkehren. Zumal die Steuergelder, die die Einnahmeverluste der Verkehrsbetriebe ausgleichen müssten, dann für den Ausbau der Kapazitäten fehlen. Selbst wenn es Euros vom Himmel regnen würde: Der Bau neuer U-Bahnen, die Einrichtung neuer Tramstrecken, ja selbst die Anschaffung neuer Fahrzeuge dauert quälend lange.

Der Nahverkehr muss ausgebaut werden - ohne Fahrverbote wird es allerdings nicht gehen

Aber spielen wir das Gedankenexperiment einmal durch: Würden die Kölner, Stuttgarter, Berliner oder Hamburger massenweise die kostenlosen Busse und Bahnen stürmen – auch dann wären die Straßen keinesfalls auf einmal wie leergefegt. Stattdessen würden Fernpendler, Touristen und Lieferanten, sprich alle, für die der ÖPNV keine echte Alternative ist, ganz schnell wieder die Städte verstopfen. Wer früher sein Auto auf dem Park&Ride-Parkplatz am Stadtrand stehen ließ, würde dann in die Innenstädte hineinbrausen. Einfach, weil es bequemer ist und zumindest anfangs auch schneller. Fachleute nennen so etwas Rebound- oder Bumerang-Effekt. Am Ende herrschte in den Metropolen die gleiche dicke Luft wie zuvor.

Also, nichts tun? Natürlich nicht. Entscheidend ist, den Nahverkehr massiv auszubauen. Sind die Taktzeiten dicht genug, die Fahrzeuge bequem genug, die Pünktlichkeit hoch genug, werden die Menschen von alleine umsteigen. Und es spricht natürlich nichts dagegen, Wochen- und Monatskarten für Menschen mit niedrigem Einkommen massiv zu verbilligen. Soll die Luft in den Städten aber wirklich spürbar besser werden, gibt es am Ende keine Alternative auch zu unpopulären Maßnahmen – sprich Fahrverbote für Modelle mit hohem Schadstoffausstoß.

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