Die Zukunft der Arbeit: Bot or not?

Die Zukunft der Arbeit: Bot or not?

Die einen sehen in Künstlicher Intelligenz eine Chance auf Wachstum, die anderen fürchten sich vor der Entmündigung des Menschen. KI wird die Arbeitswelt positiv verändern, glaubt Frank Riemensperger von Accenture Deutschland - wenn wir mit den Sorgen richtig umgehen.

Frank Riemensperger

Frank Riemensperger ist Vorsitzender der Geschäftsführung Accenture Deutschland.

In der Diskussion um den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) erleben wir gerade eine wachsende Polarisierung: Die Befürworter sehen die Chance, durch die Verarbeitung von großen Datenmengen mit intelligenten Algorithmen ein neues Niveau der Leistungsfähigkeit zu erreichen. Maschinen werden gewartet bevor sie defekt sind. Die Bedürfnisse von Konsumenten werden erkannt bevor sie ausgesprochen sind. Die Heizung stellt von allein die richtige Temperatur ein und der Supermarkt liefert die fehlenden Lebensmittel bevor die Einkaufliste geschrieben ist.

Kritiker sehen hingegen vor allem die Risiken und fürchten Arbeitsplatzverluste durch noch mehr Automatisierung und ein von Algorithmen gesteuertes Leben. Sie fürchten, dass der Mensch entmündigt wird, weil die Maschinen ohne sein Zutun entscheiden.

Von den Menschen fast unbemerkt sind jedoch bereits viele Anwendungen in unserem Alltag angekommen, die sich auf Machine Learning und Künstliche Intelligenz stützen. Die Spracherkennung im Smartphone, die Lenkhilfe im Auto, der intelligente Kochautomat und der Einkaufsvorschlag im Online-Handel sind dafür nur einige Beispiele.

Es geht nicht mehr um die Frage, ob diese neue Technologie sinnvoll ist. Es geht vielmehr darum, wie wir die Technologie zum Wohle der Menschen nutzen – und wie wir mit den berechtigten Sorgen umgehen.

Routineaufgaben an Maschinen abgeben

Wenn es um Aufgaben geht, die wir nicht gerne oder nicht so gut machen, sei es wiederholende Routinetätigkeiten oder die Auswertung vieler Informationen in kurzer Zeit – all das können selbstlernende Maschinen besser. Das wird unsere Arbeitswelt weiter automatisieren. Das bedeutet aber nicht, dass uns die Arbeit ausgeht oder wir zu Sklaven von Maschinen werden. Nehmen wir die erste Automatisierungswelle in den Siebziger- und Achtzigerjahren als Vergleich, dann haben wir keinen Grund zur Sorge. Damals war die Angst groß, dass der Einzug von Fertigungsrobotern in Fabrikhallen auf Kosten der Beschäftigten gehen würde. Das Gegenteil aber war der Fall: Durch die Automatisierung stieg die Produktivität. Fertigungsschritte, die sonst in Billiglohnländer verlagert worden wären, blieben in Deutschland. Die Diskussion über den Einsatz moderner EDV-Systeme folgte dem gleichen Muster. Ein bekanntes deutsches Nachrichtenmagazin fasste 1978 mit dem Titel "Die Computer-Revolution: Fortschritt macht arbeitslos" die damalige Debatte treffend zusammen.

Fast vierzig Jahre später steht unsere Volkswirtschaft nun vor der Vollbeschäftigung und die IT-Branche ist einer der Wachstumsmotoren. Accenture stellt nicht zuletzt wegen dieser ‚Computer-Revolution‘ jedes Jahr mehr als 1.500 Technologie-und Strategieberater in Deutschland ein. Ein ähnliches Wachstumspotenzial steht uns mit der KI-Revolution bevor.

Künstliche Intelligenz wird zum Super-Assistenten

Künstliche Intelligenz wird alle Branchen verändern, denn durch die zunehmende Vernetzung von Maschinen und Produkten und den so erzeugten Datenmengen entstehen immer mehr Anwendungsfelder. Allerdings ist die Künstliche Intelligenz in ihren Möglichkeiten limitiert: Unter zehntausend Bildern von Birnen das mit dem Apfel finden – für selbstlernende Maschinen ein leichtes Spiel. Eine Bierdose öffnen – ein großes Problem.  

Deshalb bin ich überzeugt, dass Künstliche Intelligenz vor allem assistierende Aufgaben übernehmen wird, bei denen wir Menschen den Maschinen kognitiv unterlegen sind. Das entlastet sowohl Gering- und Hochqualifizierte wie auch Fabrikarbeiter und Büroangestellte. Lassen Sie mich das anhand einiger Beispiele aus der Praxis verdeutlichen: an Rechtsanwälten, Ärzten und Angestellten in der Fertigung.

Wer als Rechtsanwalt arbeitet, muss vor allem eins können: viel lesen. Wenn schon die AGB für die Eröffnung eines Bankkontos mehrere Seiten lang sind, lässt sich leicht ausmalen, wie viele Ordner erst eine Übernahmevereinbarung zwischen zwei Unternehmen füllt. Bisher werden solche Vertragstexte stets einzeln und von Hand bearbeitet, denn das Rechtswesen zählt zu den am wenigsten automatisierten Bereichen der Wirtschaft.

Hier setzen sogenannte Legal Techs an, die sich zum Ziel gesetzt haben, die Arbeit in Kanzleien durch den Einsatz digitaler Technologien zu revolutionieren. Start-Ups wie Leverton oder Kira entwickeln Software, die Verträge durchgeht und mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz analysiert. Dabei ersetzt das Programm nicht die fachliche Kompetenz des Anwalts, sondern weist lediglich auf Fehler und Unstimmigkeiten in den juristischen Texten hin. Der Anwalt spart viel Zeit und kann sich auf die wirklich wichtigen Stellen bei der Vertragsgestaltung konzentrieren.  

Röntgenbilder auswerten und Fabrikarbeiter anleiten

Im Gesundheitswesen spielt die Künstliche Intelligenz ebenfalls eine wichtige Rolle. Nein, damit ist weniger der Roboter-Krankenpfleger gemeint, der hin und wieder als Antwort auf den Fachkräftemangel im Pflegewesen genannt wird. Hier geht es vielmehr um die Diagnosestellung und die Entwicklung von Wirkstoffen. In jedem größeren Klinikum entstehen täglich hunderte von Röntgenaufnahmen, die oft wichtige Aufschlüsse über eine Erkrankung geben. Der Haken dabei: Die Analyse der Bilder ist sehr zeitintensiv und es kommt vor, dass ein Arzt wichtige Anzeichen übersieht, da sie mit dem Auge kaum wahrzunehmen sind oder falsch interpretiert werden.

Hier kommt eine Software basierend auf Künstlicher Intelligenz ins Spiel, die Röntgenaufnahmen eines Patienten mit einer Datenbank ähnlicher Bilder abgleicht und so in Sekundenschnelle eine medizinische Auffälligkeit erkennt. Damit spart der Arzt nicht nur viel Zeit, auch der Patient profitiert, indem er eine zuverlässigere Diagnose erhält. Bei der Entwicklung neuer Medikamente gewinnt die Technologie ebenfalls an Bedeutung: Von der Planung und Ausführung klinischer Studien bis hin zur Entdeckung neuer Wirkstoffe durch Simulationen gibt es beeindruckende Einsatzmöglichkeiten.

Ein drittes Beispiel zeigt, dass Künstliche Intelligenz auch geringer qualifizierten Arbeitnehmern nutzt, denn die Technologie revolutioniert die Interaktion von Mensch und Maschine in der Fertigung. So werden Fabrikarbeiter zukünftig ohne aufwendige Trainings in der Lage sein, komplexe Maschinen zu bedienen und schwierige Montageschritte zu übernehmen. Dabei kommen vor allem smarte Wearables, wie mit Sensoren und Kameras ausgestattete Handschuhe oder Brillen, zum Einsatz. Einen ersten Vorgeschmack, was zukünftig möglich ist, liefert das deutsche Start-Up Proglove. Dieses hat einen Handschuh entwickelt, der anhand der Bewegungen des Nutzers und eines Scans des Bauteils erkennt, welchen Arbeitsschritt dieser gerade ausführt. Sollte der Fabrikarbeiter das falsche Bauteil in der Hand halten oder es falsch montieren, meldet der Handschuh den Fehler per Vibration.

Diese neue Arbeitswelt, bei der immer mehr Prozesse von Künstlicher Intelligenz unterstützt werden, müssen Unternehmen und Mitarbeiter gemeinsam gestalten. Technisches Verständnis und kreative Fähigkeiten sind dabei gefragter denn je. Für die Unternehmen heißt das, nicht nur in neue Maschinen, sondern vor allem in die Weiterqualifizierung der Mitarbeiter zu investieren. Die Angestellten sollten selbstlernende Roboter und intelligente Algorithmen hingegen als 'Kollegen' ernst nehmen und die Vorteile der Zusammenarbeit erkennen.

Nicht alle Probleme sind gelöst

Um die Chancen der KI zu nutzen, müssen wir uns aber auch als Gesellschaft mit den Risiken auseinandersetzen. Ohne Akzeptanz der Menschen wird die Technologie nicht erfolgreich sein können. Und nicht alle Probleme sind derzeit gelöst. Zum Einen braucht es Algorithmen, die ohne Vorurteile arbeiten. Dazu muss das zugrundeliegende Datenmaterial umfassend und ausgewogen sein. Dass unvollständige oder fehlerhafte Daten zu einer Benachteiligung von Einzelnen oder kleinen Gruppen führt, müssen wir unbedingt vermeiden.

Zum Anderen sind klare Regeln nötig, was die Maschine entscheiden darf und was der Mensch entscheiden muss. Gerade in Echtzeit-Situationen, bei denen die maschinelle Sensorik der menschlichen Reaktionsfähigkeit haushoch überlegen ist, braucht es neue Lösungsansätze, wie kritische Entscheidungen getroffen werden. Sowohl die Forschung als auch der deutsche Ethikrat haben diese Probleme aufgegriffen.

Für ein hochentwickeltes Land wie Deutschland ist die Künstliche Intelligenz ein Glücksfall. Sie wird die Wirtschaft ankurbeln und viele neue Jobs schaffen. Technischem Fortschritt zunächst mit Skepsis zu begegnen, ist zu einem deutschen Reflex geworden. Dem sollten wir in diesem Fall nicht nachgeben. Es geht vielmehr darum, die Technologie zum Wohl der Menschen zu gestalten und zu nutzen.

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