Ex-Skoda-Chef Vahland: "Automobilindustrie braucht Mut zur Zukunft"

Ex-Skoda-Chef Vahland: "Automobilindustrie braucht Mut zur Zukunft"

Strengere CO2-Vorschriften, neue Konkurrenz von Tesla und Co oder Dieselgate: Der ehemalige Skoda-Chef Winfried Vahland fordert eine neue Vision für die deutsche Autoindustrie. Ein Gastbeitrag.

Zu den Autoren: Winfried Vahland ist früherer Chef des tschechischen Autobauers Skoda. Zuvor war er Präsident der Volkswagen Group China. Andreas Herrmann ist Professor für Betriebswirtschaft an der Universität St. Gallen in der Schweiz.

Die deutsche Automobilindustrie befindet sich mitten in der schlimmsten Krise ihrer 130-jährigen Geschichte. Das Drama nahm seinen Ausgang mit dem Markteintritt von Tesla, verschärften CO2-Gesetzen weltweit und manipulierten Motorsteuerungen, deren Schäden bis in die Gegenwart wirken. Insbesondere der Skandal um den Dieselmotor lähmt die Unternehmen und verhindert mutige Schritte mit neuen Technologien und Produkten. Inzwischen kommen weltweite Handelsbarrieren und ein Streit um den deutschen Handelsüberschuss hinzu.

Verbrennungsmotor und Getriebe werden durch den Elektro- oder Wasserstoffantrieb ersetzt. Das autonome Fahren erfordert Sensoren, Algorithmen, Software und das Internet. Alle Akteure zurück auf Los, der Wettbewerb startet ganz neu!

Die technologischen Barrieren fallen rasant, hunderte von Technologieunternehmen stürmen den Markt. Und dann auch noch China, wo man die Fertigung von autonomen Elektrofahrzeugen als Schlüsselkompetenz auf dem Weg zur führenden Industrienation ausgerufen hat.

Zu viele Themen auf einmal! Es braucht einen Masterplan, einen Kompass, um die Weichen jetzt richtig zu stellen. Zu viel steht auf dem Spiel, immerhin ist die Automobilindustrie das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Um diese Industrie hat sich ein starker Mittelstand gebildet und Deutschland ist damit zu Wohlstand und Ansehen in der Welt gekommen.

Dass man ganze Nationen neu ausrichten kann, zeigt gerade Präsident Macron. Er hat der angeschlagenen französischen Seele innerhalb von nur einem Jahr neuen Mut verliehen. Macron versteht sich als "Leader" im positivsten Sinne, der Orientierung gibt und die Absicht verfolgt, das Land für das digitale Zeitalter fit zu machen. Auch Deutschland braucht für seine Automobilindustrie eine neue Vision, aus der ein Masterplan und eine neue Orientierung nach allen diesen Skandalen und Verwerfungen resultieren. Was könnten die Eckpunkte einer solchen Vision beziehungsweise eines Masterplans sein?

1. Dieselskandal aufklären

Der Dieselskandal muss rasch und konsequent aufgeklärt und als Chance für eine kulturelle, organisatorische und technologische Veränderung genutzt werden. Jetzt ist der Zeitpunkt, um das umfassendste automobile Investitionsprogramm der Geschichte aufzulegen und zwar für vernetzte, autonome Mobilitätskonzepte und emissionsfreie Antriebssysteme. Hierzu braucht es Partnerschaften mit anderen Technologieunternehmen und zwingend den Aufbau von Kompetenzen zur Batterietechnologie. Die deutschen Unternehmen müssen die Schlüsseltechnologien der neuen Autoindustrie (künstliche Intelligenz, autonomes Fahren, maschinelles Lernen etc.) beherrschen, um ihre gute Marktstellung nicht nur zu verteidigen.

2. Neue Technologien diskutieren

Ohne Zweifel müssen die Risiken und Chancen neuer Technologien diskutiert werden. Allerdings darf dies nicht dazu führen, dass Deutschland bei vielen zentralen Technologien den Anschluss verpasst. Investitionen in die Infrastruktur und in die Bildung sind unerlässlich, um vor allem gegenüber chinesischen Autofirmen bestehen zu können. Hierzu müssen Start-Ups gefördert und der einfache Zugang zu Technologien ermöglicht werden. Zudem benötigt Deutschland und Europa die besten Köpfe der Welt und damit auch ein modernes Einwanderungsgesetz.

3. Private-Pubic-Partnerships fördern

Es ist nicht mehr so, dass die klassische Automobilindustrie die neue räumlich anzieht. Vielmehr bilden die IT-Unternehmen das neue Zentrum, und die traditionelle Fahrzeugproduktion folgt ihr. Das Silicon Valley in den USA und die neuen Zentren in China in Huangzhou oder Shanghai sind Beispiele dafür. Dort siedeln sich Unternehmen an, die sich mit Steuerungssystemen, Software und Algorithmen befassen, um so ein neues Automobilcluster zu bilden. Um all dies in Deutschland auf den Weg zu bringen, braucht es Private-Pubic-Partnerships, die zügig die neu benötigten Fähigkeiten in Entwicklungszentren aufbauen. Öffentliche Forschung, mehr praxisorientierte Universitäten, die richtigen Technologie Start-Ups gemeinsam mit der Automobilindustrie. Ein schneller, mächtiger Innovationscampus ohne lähmende Bürokratie. So etwas gibt es in Deutschland bis heute nicht, auch weil die Informationstechnologie inklusive der dazugehörigen Infrastruktur in Europa sträflich vernachlässigt wurde.

4. Intelligente, vernetzte Verkehrskonzepte schaffen

Öffentliche und private Verkehrsträger müssen schrittweise miteinander verzahnt werden. Autonome Elektrofahrzeuge, Robotaxis lassen sich in ein Verkehrskonzept bestehend aus regionalen und lokalen Zügen, U- und S-Bahnen sowie Bussen und anderen Fahrdiensten integrieren. Hinzu kommen hoffentlich bald intelligente Verkehrssysteme mit Kreuzungen ohne Ampeln und einer Auflösung starrer richtungsgebundener Fahrspuren. Hierfür braucht es ein vollvernetztes Miteinander aller Verkehrsteilnehmer und flächendeckende schnelle Datennetze.

 5. Testfelder festlegen

Es sind zügig Testfelder zu definieren, auf denen die Autohersteller, ihre Zulieferer und die Technologieunternehmen ihre autonomen Elektrofahrzeuge überprüfen können. China, Südkorea und Singapur sind exzellente Beispiele dafür, dass die Bereitstellung von solchen Arealen ein wichtiger Schritt ist, damit Knowhow entwickelt und Arbeitsplätze im eigenen Land aufgebaut werden können. Der Wandel vom Verbrenner zum Elektromotor soll allein in Deutschland mehr als 100.000 Arbeitsplätze kosten. Die Batterien werden in Asien gefertigt und die Daten- und Informationstechnologie kommt aus den USA beziehungsweise China. Die Vergangenheit zeigt aber, dass disruptive Veränderungen auch große Wachstumschancen mit vielen neuen Arbeitsplätzen bieten, wenn man sie rechtzeitig aktiv mit gestaltet.

Was bleibt zu tun? Zu vielen Protagonisten in der Politik und (Auto-)Industrie fehlt offensichtlich die "Lust an der Zukunft". Am liebsten würde man alles beim Alten belassen. Die Selbstgefälligkeit und manchmal der Hochmut aufgrund der Erfolge in den letzten Jahren bestimmt leider oft das Handeln.

Jetzt gilt es aber, die Zukunftsthemen mit Mut und Vision anzugehen! Das autonome Fahren, der innovative Elektroantrieb und ein damit einhergehendes Mobilitätsmanagement einer Nation wären eine gute, vielleicht die letzte Chance für die deutsche Automobilindustrie. 

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